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Karin Hollweg Preis 2017 geht an Felix Dreesen

Karin Hollweg Preis 2017 geht an Felix Dreesen

Preisträger ist HfK-Meisterschüler Felix Dreesen

Der Karin Hollweg Preis ist einer der bedeutendsten und höchstdotierten Kunstförderpreise an Kunsthochschulen in Deutschland. Ermöglicht wird er dank der großzügigen Unterstützung der Karin und Uwe Hollweg-Stiftung. Der Preis ist mit 15.000 Euro ausgewiesen, wobei eine Hälfte als Preisgeld direkt an die Preisträgerin oder den Preisträger geht, die zweite Hälfte ist für die Realisierung einer Einzelausstellung reserviert.

Die Preisverleihung an Meisterschüler Felix Dreesen fand statt am 23. Juni im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung „OH WOW. Meisterschülerausstellung der Hochschule für Künste Bremen“.

Begründung der Jury

„Der Karin Hollweg Preis 2017 geht an Felix Dreesen. Sein Beitrag Patches of Protest hat sich nach einer lebendigen und konstruktiven Diskussion innerhalb der Jury durchgesetzt.

Den Ausgangspunkt der Arbeit bildet eine Protestaktion, die Unbekannte kurz vor Abbruch des historischen Stammsitzes des Logistikunternehmens Kühne + Nagel an der Weser vorgenommen haben. In Anlehnung an die Diskussion um die Rolle des Unternehmens in der Zeit des Nationalsozialismus wurden die Fenster des Gebäudes mit Buchstaben und Zahlen ausgemalt, die in ihrer Gesamtheit den Text ergaben:
„500 SCHIFFE 735 ZÜGE 1942-1944 MEHR ALS NUR DIENSTLEISTER … – – – – GEGEN DAS VERGESSEN!“
In kürzester Zeit nach Durchführung der Aktion wurden alle betroffenen Fenster durch Bauarbeiter entfernt.

Felix Dreesen hat neun beim Abrissvorgang intakt gebliebene Fenster im Ausstellungsraum so verteilt, wie sie ihrer Abfolge im Text entsprechen, und mit einem Zeitungsartikel kombiniert, der sie inhaltlich herleitet.

Die Jury ist überzeugt von der vielschichtigen und mehrdeutigen Lesbarkeit von Felix Dreesens Intervention. Zum einen lotet sie die Möglichkeiten von Kunst in ihrem Verhaftetsein zwischen Haltung und Form aus, indem sie das Material der Abbruchssituation in den Ausstellungsraum hineinholt. Zum anderen nimmt sie den Protestvorgang auf und transformiert dessen Direktheit in minimalistisch-kryptische Zeichen mit malerischen Qualitäten, ohne ihm die Kraft zu nehmen. ‚Patches of Protest‘ stellt damit die Wirkmächtigkeit von Kunst innerhalb gesellschaftlicher Diskurse ins Zentrum.

Darüber hinaus gelingt es Felix Dreesen, eine regional geführte Debatte so aufzunehmen, dass ihre allgemeingültigen Fragestellungen in den Vordergrund treten und Geschichte und Gegenwart verschmelzen.
Weiterhin überzeugt die Art und Weise, in der der Künstler hier ein Spiel der Autorenschaft inszeniert – bleibt doch im Ungewissen, wer die Protestaktion am Kühne + Nagel-Gebäude durchgeführt und die Fenster ursprünglich bemalt hat, die Dreesen nun als Fundstücke präsentiert und inhaltlich auflädt.

Damit ist Patches of Protest deutlich mehr als die Summe seiner Einzelteile und in seiner klug gesetzten Vieldeutigkeit preiswürdig.

Die mit dem Preis verbundene Einzelausstellung in einer Bremer Institution wird 2019 in der GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst stattfinden.“

Die Jury des Karin Hollweg Preises 2017,
Bremen, den 22. Juni 2017

Zur Person

Felix Dreesen ist 1987 in Bremen geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Gegen Ende der Schulzeit gründete er mit zwei Freunden ein bis heute bestehendes, performativ und partizipativ agierendes Siebdruck-Kollektiv mit eigener Werkstatt und regelmäßigen Drucksessions auf Festivals, im Theater- und Kunstkontext. Bevor und während seines Studiums war er als Atelieranmieter Teil der Grundbesetzung des soziokulturell und auf elektronische Musik ausgerichteten Zucker-Clubs. Hier bekam er tiefere Einblicke in kollektive Arbeitsstrukturen, beteiligte sich am infrastrukturellen Konzept, an Raumgestaltungen und Gemeinschaftsausstellungen. 2008 begann er ein Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Künste in Bremen bei Yuji Takeoka. Ab 2013 studierte er in der Klasse von Natascha Sadr Haghighian, bei der er 2016 sein Diplom ablegte. Die Studienzeit war neben der Geburt seines Sohns Zore im Jahr 2011 vor allem geprägt durch eine Reihe studienexterner Projekte und Teilnahmen an verschiedenen raumaneignerischen Gruppen wie z.B. dem Berliner Reclaim Your City-Kollektiv, das sich mit aktivistischen Formen der Stadtaneignung befasst.

Jury

Verena Borgmann (Kunsthalle Bremen)
Peter Friese (Weserburg | Museum für moderne Kunst)
Fanny Gonella (Künstlerhaus Bremen)
Wolfgang Hainke (Künstler)
Dr. Arie Hartog (Gerhard Marcks Haus)
Dr. Andreas Kreul (Karin und Uwe Hollweg-Stiftung)
Dr. Ingmar Lähnemann (Städtische Galerie Bremen)
Dr. Annett Reckert (Städtische Galerie Delmenhorst)
Dr. Frank Schmidt (Museen Böttcherstraße)
Janneke de Vries (Gesellschaft für Aktuelle Kunst)

Ausstellung

Zu sehen ist die Arbeit des Preisträgers Felix Dreesen im Rahmen der Ausstellung „OH WOW. Meisterschülerausstellung der Hochschule für Künste Bremen“ (24. Juni - 22. Oktober 2017) in der Weserburg | Museum für moderne Kunst. Weitere Informationen unter: www.weserburg.de

Neben der Arbeit von Felix Dreesen zeigt die Ausstellung Positionen von:

Ana Baumgart & Ina Schoof, Andreas Bernhardt, Jasmin Bojahr, Amina Brotz, Stephan Fritsch, Tanja Hehn, Elise Müller, Myong-Hee Ki, Norman Neumann, Nora Olearius, Daniel Rossi, André Sassenroth, Malte Stiehl, Yue Sun und Jónína Mjöll Thormodsdottir.

Foto: Christina Stohn

26. Juni 2016