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andy&cloud /2015/ Präsentation der Werkreihe "pass-port" im Rahmen des 22. Bundeswettbewerbs in der Bundeskunsthalle in Bonn

pass-port

Die Installation pass-port hat sich in zeitlicher und räumlicher Ausdehnung allmählich entwickelt. Sie umfasst drei kreisrunde Textilobjekte, ein Objekt aus Stahl und ein Künstlerbuch, die in variabler Konstellation zueinander in Beziehung stehen. Das erste textile Bodenobjekt ist zunächst ein Verweilort, ein Angebot zum Teetrinken und Plaudern, sowohl im White Cube als auch im öffentlichen Raum, welches einem Ort durch seine Präsenz  zeitweilig eine andere Funktion geben kann.

Das Objekt geht auf die Reise und zeigt sich an einem großstädtischen Aussichtspunkt. Es erfährt Modifikation durch Witterungseinflüsse und Benutzungsspuren und schmiegt sich an vorhandene Architekturen an. Ein Teil wird zwischenzeitlich abgetrennt und mit einem Reisverschluss wieder angefügt. Die Umgebung färbt auf das Objekt ab, das Objekt wirkt auf die Orte, an denen es erscheint.

Wesentlich für pass-port sind sein gleichermaßen modularer wie skulpturaler Charakter. Die Installation fungiert als Bühne für soziale Aktivität, zugleich ist das Textilobjekt benutzbare Skulptur. Es besteht aus zwei Schichten, die einen Hohlraum bilden. Die textile Hülle bietet Schutz und lässt sich auf vielfältige Weise von innen ausfüllen. Der innere Körper entwickelt die äußere Form. Ein am Rand eingearbeiteter Reisverschluss verweist auf eine mögliche Erweiterung durch Anschlussstücke.

Mit der Zeit zieht die Idee von pass-port weitere Kreise und erfährt eine Aufladung. Die Installation (Objekte und örtliche Erscheinung) erweitert sich konzeptionell, geografisch, additiv und sozial. Durch Reisen und Ortswechsel werden Grenzen überschritten und wechselnde Perspektiven provoziert. Die Kreisform des Objektes markiert die Grenze zwischen Räumen, innerhalb, außerhalb. Bei einer Betrachtung im größeren Maßstab ist die formale und inhaltliche Korrespondenz mit dem Bild einer Insel naheliegend.

Die Reise nach Lampedusa zeigt die Insel als spezifischen, widersprüchlichen Ort, einen Ort extremer Gegensätze. Sie ist einerseits klassischer Urlaubsort im Mittelmeer, andererseits eine Insel mit rettendem Ufer für Flüchtlinge, Überlebensgrenze. Der Aufenthalt an diesem Ort führt auch an die Grenze der eigenen
Belastbarkeit. Die Kreisform des Bodenobjekts kann als Metapher für die rettende Ufergrenze und somit als ein politisches Ein- und Ausschlussverfahren gelesen werden. An dieser Grenze reist pass-port gedanklich mit. Die Zimmerwirtin, die zugleich die Schneiderin der Insel ist, näht ein zweites Textilobjekt. Es gibt zwar formale Vorgaben, doch der Raum für ihre Interpretation der künstlerischen Idee ist eröffnet.

Im Fortgang, mit seiner weiteren Ausdehnung überschreitet pass-port kulturelle und kontinentale Grenzen. Ein drittes Textilobjekt entsteht in Dhaka, Bangladesh. Aufladung erfährt das Projekt nicht zuletzt durch das Wissen um die skandalösen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie an diesem Ort. Das Textilobjekt ist das Ergebnis von direkter und indirekter Kommunikation zwischen den beteiligten Akteuren, Künstlerduo, Vermittler in Deutschland und in Dhaka, sowie den Produzentinnen vor Ort. Vorgegeben ist die kreisrunde Form, seine Größe und Doppelbödigkeit mit einem Öffnungssystem am Rand. Die Wahl der Stoffe, Muster, Farben und Binnenstruktur ist variabel beziehungsweise Interpretation der Produzentinnen und wird, wie bereits auf Lampedusa, zum Identifikationsfaktor. Mit dem Bedrucken und Färben der Stoffe fließen Gestaltungsideen der Näherinnen ein und machen sie in gewisser Weise zu Co-Autoren. Das Sichtbarwerden von kultureller Differenz ist Teil von pass-port.

Die drei verwandten Textilobjekte können sich auf verschiedene Weise zeigen, als Wandobjekt und skulpturale Ausformung im Raum. Das dritte Textilobjekt bildet die Fläche einer filigranen Stahlkonstruktion. Das kreisrunde Stahlgerüst mit vormaliger Eckaussparung wird komplettiert und bietet sich als Sitzelement an, welches zur Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln einlädt. In der Endfassung sind die drei textilen Objekte gebleicht, ihre Einzigartigkeit wird ausgewaschen und zurückgenommen. Dieser Vorgang bildet den Abschluss einer realen und gedanklichen Reise.

Marion Bertram