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Open Call: Manifestos

Open Call: Manifestos

Reading & Writing. Manifestos. Issue No. 3

Für die dritte Ausgabe der HfK-Publikation „Manifestos“ werden Beiträge gesucht.
Manifeste einreichen bis 1. Oktober 2018, auf Deutsch oder Englisch
Alle Informationen: call.manifestos.de

Schreiben

Wir schreiben Wortlisten, Nachrichten, Posts, Blogeinträge, Arbeitspläne, Exzerpte, Tagebuchnotizen, Reklameslogans, Flugblätter, Geschäfts-­ und Liebesbriefe, Kontrakte, Rechnungen, Schulaufsätze, wissenschaftliche Abhandlungen, Chroniken, Beschreibun­gen, literarische Texte, Gedichte und Code. Das Schreiben ist nicht unbedingt mit der Produktion von Text verbunden, kann es aber durchaus sein. Schriftduktus, Motorik, Werkzeug, Publikationsort, Grammatik, Orthographie sind Teil des Schreibprozesses und zeugen mitunter auch von Formen der Disziplinierung (Foucault) und Demonstra tionen von Macht (Lévi­Strauss). Auch Schreibkrisen und Schreibenkönnen markieren die Kom­plexität dieser Tätigkeit. Unterschiedliche Laborexperimente und Versuchsanordnungen in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen dokumentieren den Wunsch, diese ­Einflüsse­ auf­ die­Schreibakte ­begreifbar­ zu ­machen.

Lesen

Jeder Schreiber ist automatisch auch sein Leser (frz.se relire). Während des Schrei­bens wird immer auch das Geschriebene gelesen. Zusätzlich zu dieser grundständigen Kopplung wird zumeist im Hinblick auf einen realen oder virtuellen Leser geschrieben, dessen Erwartungen im Schreibprozess antizipiert werden. So sprechen wir auch von Rezeption und Produktion, Textverstehen und Textproduzieren. Im Schreiben wird immer schon zuvor Geschriebenes und Gelesenes (wo auch immer) aufgenommen: Schreiben ist rewriting. Fremde Diskurse werden transformiert, integriert und­ verworfen. ­Diese­ Schreib-­Lese-Prozesse­ können­ zugleich­ als­ Erfindungs- ­und­ Entdeckungsmechanismen bezeichnet werden.

Denken

Es ist unmöglich, von der Sprache zum Denken anders als durch Wahrscheinlichkeit zu­ rückzukehren. ­Mit­ dem­ Schreiben­ gibt­ man­ dem­ Denken ­eine ­lesbare­ Form.¹ Aber Denken wir in Wörtern? Visualisieren wir ein Sprachgitter? Wissen wir, was wir schreiben? „Muß man nicht wie in einem dunklen Tunnel schreiben, ohne zu wissen wie sich die Figuren [Themen] entwickeln werden?“² Die Schreiblabyrinthe der aktuellen Digitalen Kultur machen diese hier skizzierten Prozesse schneller, verwegener, komplexer. Digitale Texte – kurz oder lang – ermöglichen ein Schreiben, welches sofort gelesen, beantwortet, kommentiert, verlinkt und gespei­chert wird. Unterschiedliche Onlinedienste (z. B. Google docs, Wordpress, Twitter, GitHub) bieten hier Templates an, die die Schreibformate maßgeblich bestimmen und dabei in vielfältiger Form wirksam werden.

Wir freuen uns über verschiedenste Manifeste (Statements, kühne Behauptungen, Zuspitzungen), die dieses Feld bespielen und möglicherweise im Versuch, losgelöst von bereits existierenden Systemen, auch Unbekanntes und Illusorisches im Schreiben realisieren. Wir freuen uns über Experimente, die das Manifestieren im Schreiben selbst vorführen.

1) Paul Valéry, Cahiers 1894–1914, édition intégrale, Paris 1987, S. 247, aus: Almuth Grésillion „Über die allmähliche Verfertigung von Gedanken beim Schreiben“, in: Raible, Wolfgang (Hg.): Kulturelle Perspektiven auf schrift und schreibprozesse . Tübingen 1995, S. 1–36.
2) vgl. Mitteilung Kafkas an Max Brod, zitiert nach Malcolm Pasley: „Der Schreibakt und das Geschriebene. Zur Frage der Entstehung von Kafkas Texten“, in: Ders., „ die schrift ist unveränderlich ...“. essays zu Kafka . Frankfurt a. M. 1995, S. 99-120, hier S. 111.