Vortrag - Dirk Meinzer

Dirk Meinzer

Vortrag / 05.06.2018

Wir werden nie müde, uns anzusehen -
Nur das Meer und ich.
(nach Li Po´s "Allein, mit Blick auf den Berg")

Vor wenigen Jahren habe ich begonnen mein heterogenes Werk, das ich in verschiedenste Familien
untergeordnet habe, in meiner bisher letzten Werkgruppe zu vereinen, der Nocturne: nachleuchtende
Malereien aus phosphoreszierenden Gesteinsmehlen in Schellack auf Bildgrund. Auf dem meist leer
wirkenden Bild appliziere ich mitunter aber auch Bienenflügelrosetten wie Trockenblütenwolken oder ich
befleißige mich in dilettantischen Methoden die nachbarschaftliche Vereinigung von idiotischen Pferde- und
Katzensticker und anderen Kuriositäten zu bemühen, die auf diesen Bildern eine halb wurstige, halb
alarmierend verharmlosendes Pendant zu internationalen Briefmarken von Despoten und ambivalenten
Politikern pflegen.
Wie ein Tiefseefischer errichte ich meine Leinwände immer des Nachts, horche in gedankenloser
Achtsamkeit auf das leiseste Nuancengezwitscher und nehme wahr. Wenn ich mich künstlerisch dem
Unbekannten nähere, bin ich ohne Eifer oder Ehrgeiz und suche nicht nach Ruhm oder Glück, aber ich
schaffe gewissenhaft und versuche zu hören und diese situative traumhafte Schwebe, die ich in einem
Moment, wie ein Ereignis erzeuge, einzufangen.
Meine Suche richtet sich auf das Kleine, das Groteske, die Nichtigkeit, das Archaische, die Fadheit, die
Mensch-Tier-Beziehungen, das Verschwinden, das Ritual, den Event, das Interkulturelle und das Paradies.
Meine Ausstellungen zeugen von ekstatischen Exzessen der unproduktiven Verausgabung im stehenden
Gewässer in der Lichtung des Seins ruhend, ohne Bewegtheit und Gerichtetheit, nicht beschienen oder
bestrahlt, in der Flüchtigkeit eines Überganges. Es ist die Beatitude der geronnenen Langeweile bei der
Strukturierung von Erfahrungen in Form von Bildern. Zufällig, taumelnd entstanden.
Ich bin ein zunehmend areligiöser Mensch und schaffe keine Fetische und doch bringe ich Bilder mit dem
Selbstverständnis einer Offenbarung hervor, einer realen oder konkreten; Werke, die entledigt des Ballastes
von einem Gedächtnis, Nostalgie, Legende oder des Mythos, die Natur der reinen Idee spiegeln und
verstanden werden können.
Dabei bestehe ich auf die Erfahrungen mit den Empfindungen in der Zeit,- nicht auf den Sinn der Zeit,
sondern die physische Empfindung meiner Zeit, hier und jetzt.
In der assoziativen Verkettung der einzelnen Elemente im Bild schaffe ich ein Netzwerk, in dem sich meine
Welterfahrung wiederfindet.

SISYPHOS' BROTHER, SMILING
We never tire of looking at each other -
Only the mountain and I.
(from li pos "alone, looking at the mountain")
I have shown myself to him in a condition of undifferentiated, universal equilibrium.
Where the mermaid romps, there is the abyss.
Where the water rests, there is the abyss.
Where the water circulates, there is the abyss.
The abyss has nine names.
These were three of them.
(from chuang-tses "speeches and parables")
Like a deep-sea fisherman I erect my canvasses always at night,
listening for the faintest Nuancengezwitscher (exhibition title 2015) thats chirping away and records it
in thoughtless awareness; embarking into the unknown, I´m without zeal or ambition, not looking for
fame or fortune, but conscientiously working, trying to hear and keeping hold of it;
I work with the annulment, the blandness, the archaic, the unimportant or
little one, the grotesque, the disappearance and the intercultural of human-animal relationships -
where do I end, who are you and what can we do (together) ? - let's ROCK !
I seem to be always tired and my exhibitions are bearing witness to ecstatic excesses of
unproductive expenditure (e.g. when the paradise starts to fly (away) from 2013), which I call a
standing water in der lichtung des seins, resting without choppiness or direction, not illuminated or
irradiated, but stumbled upon in the volatility of a transition -
unlike Dr. Hook (remember "when you're in love with a beautiful woman"?), I find
beatitude curdled in vapidness' bosom, constantly structuring experience in the form of images,
risen by chance from mankinds archetypen -
in a situative dreamlike limbo, I´m trying to create in a moment, again and again, generating works
exuding a simple perfection that deprives life of all made meaning -
or, as wolfgang laib put it when receiving his praemium imperiale:
"it is not I sculpting the material, it is the powdered one (staub zu staub) that's making me."

05.06.2018, 16 Uhr
Raum 1.11.070, Speicher XI, Bremen

Dirk Meinzer, geboren 1972 in Karlsruhe, ist ein deutscher postkonzeptueller Künstler.
Sein Werk besteht aus Malerei, Zeichnung, Objekten, Performances, Installationen, Musik, Büchern sowie Assemblagen mit organischem
Material wie Teilen von Tieren, Lebensmitteln oder Fäkalien. Er studierte bis 2004 bei Claus Böhmler an der
Hochschule fÜr bildende Künste Hamburg, lebt in Hamburg und Deinste und stellt als Künstler und Kurator
national und internationale aus: Weserburg, Bremen (2017), Manifesta 11, Zürich, Schweiz (2016), Eigen + Art
Lab Berlin (2016), body and soul contemporan, Genf, Schweiz (2015), Halle für Kunst Lüneburg (2014), Kling &
Bang gallerí, Reykjavík, Island (2014), Rauchsalon, Secessionen, Wien (2013), Kunstverein Hamburg (2007), David Lawrence Gallery, Los Angeles, (2006), Kunsthalle Fridericianum, Kassel (2001)

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Termine
Vortrag - Dirk Meinzer

Raum 1.11.070, Speicher XI, Bremen

05. Juni 2018, 16:00