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Abschied von Professor Waldemar Otto

Abschied von Professor Waldemar Otto

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Foto © Carmen Jaspersen/picture alliance/dpa

Waldemar Otto zählte zu den großen Bildhauern der Gegenwart. Am 8. Mai verstarb er im Alter von 91 Jahren in seinem Zuhause im Künstlerdorf Worpswede. Otto war eng mit der Bremer Hochschule für Künste (HfK) verbunden. Ab 1973 lehrte er als Dozent an der HfK, 1979 wurde er an unserem Hause Professor für Künstlerischen Entwurf/ Plastik. 1987 gründete er die „Bremer Bildhauerschule“. Zahlreiche junge Menschen zog es in die Hansestadt, um bei Waldemar Otto zu studieren. Bis zu seinem Ruhestand 1994 war der Bildhauer mit viel Leidenschaft und Zugewandtheit für seine Studierenden da.

„Der Mensch von heute als Figur und in seiner Verflochtenheit in die Problematik unserer Zeit war das in unzähligen Varianten umkreiste Thema des Künstlers“, sagt der Galerist Wilfried Cohrs-Zirus über Waldemar Otto. Waldemar Otto war international gefragt, 1997 widmete ihm beispielsweise die Eremitage in Sankt Petersburg eine Ausstellung. In vielen Stadtbildern finden sich Werke von Waldemar Otto. Zu den beliebtesten Hinguckern in Bremen zählt sein „Neptunbrunnen“ auf dem Domshof. In seinem Spätwerk schuf er vermehrt Kleinplastiken.

Waldemar Otto stammte aus einem Pastorenhaushalt im schlesischen Petrikau und kannte sich in den biblischen Gleichnissen, Psalmen und Geschichten bestens aus. „Ich musste das alles nicht ein einziges Mal nachschlagen“, sagte er beispielsweise 2015 bei der Präsentation seines bronzenen Werkzyklus „Die Leiden Mariaes“.

Vor Vandalismus oder Verschandelung seiner Kunst im öffentlichen Raum fürchtete sich der Künstler übrigens nicht. Seine Erfahrungen hätten ihm gezeigt, dass „eine Skulptur, an der richtig gearbeitet worden ist, sich selber schützt“, sagte er einmal.

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Arie Hartog über Waldemar Otto

Waldemar Otto (1929-2020) war einer der Bildhauer, die sich im Konflikt zwischen gegenständlicher und ungegenständlicher Kunst, der die 1950er- und frühen 1960er-Jahre prägte, ohne Wenn und Aber für die Figur entschieden. Gegen das Gegenstandslose setzte er das »Kubische«: nicht den Kubus, sondern das gestaltete Volumen.

Otto pflegte die Berliner Tradition: Seine bildhauerischen Vorbilder waren Gerhard Marcks, Hermann Blumenthal und Waldemar Grzimek. Der Grundgedanke ihrer Bildhauerei war, dass es einen Widerspruch zwischen Natur und Stereometrie gibt. Während die Wirklichkeit unübersichtlich und spannend ist, sind stereometrische Formen zwar übersichtlich, aber auch spannungslos und langweilig. Also galt es, die beiden auszusöhnen. Ottos inhaltliche Vorbilder waren Otto Dix und Käthe Kollwitz und so verband er die Errungenschaften der Berliner modernen figürlichen Bildhauerei mit Satire und Empathie.

Bei aller formaler Überzeichnung verstand sich Otto immer als »Realist« und vertrat diese Position lautstark. Es galt Wahrheit mithilfe gestalteter Form zu vermitteln. Dabei hatte er einen doppelten Anspruch. Erstens kann Kunst etwas über das menschliche Dasein aussagen und zweitens kann sie Zeitgrenzen überspringen. Die Idee einer Gegenwartskunst war ihm ein Graus. Otto wollte Werke schaffen, die auch in einem zukünftigen Hier und Heute Bedeutung haben und das könne nur die gegenständliche Kunst. Er verwies selbstbewusst auf Goya, Picasso und Rodin als Künstler, deren Werke immer noch berühren. Dass Museen, die sogenannte Gegenwartskunst feiern, für ihre Marketingziele dann doch immer auf klassische Moderne zurückgreifen, sei keine Dialektik mehr, sondern zeige die Dummheit im System.

Ottos große Präsenz im öffentlichen Raum (Berlin, Bremen, Düsseldorf, Hamburg, Oldenburg, Münster, Rostock, Schleswig u. a.) erklärt sich aus der mit seiner Kunstauffassung gegebenen Ambition, Inhalte formal überzeugend zu gestalten.

Jürgen Waller über Waldemar Otto

Der langjährige ehemaliger Rektor der HfK Bremen, Jürgen Waller, lernte Waldemar Otto 1971 in Berlin kennen. „Er wohnte damals in circa 300 Metern Entfernung zu meinem Atelier in Wilmersdorf“, erinnert sich der Maler. Die beiden Künstler stellten mehrmals gemeinsam aus, das erste Mal 1972 in der Villa des Bundespräsidenten Heinemann in Bonn. Waldemar Otto habe ihn auch dazu ermuntert, sich an der Bremer Hochschule zu bewerben. „Seine Arbeit schätzte ich immer sehr, da er Realismus und Abstraktion in einer intelligenten Art zu verbinden wusste. Sein Tod hinterlässt eine große Lücke in der Kunstwelt.“

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Ingo Vetter über Waldemar Otto

Ingo Vetter ist Professor für Bildhauerei an der HfK Bremen. Er lernte Waldemar Otto in seiner Studienzeit kennen. Die Studierenden hätten Waldemar Ottos Korrekturen ehrfürchtig entgegengenommen, erinnert er sich. „Richtig und Falsch waren hier eindeutige Begriffe und die Wirkmächtigkeit von Körper und Material über jeden Zweifel erhaben. Diese Bremer Schule wirkte nach und ist noch in vielen öffentlichen Skulpturen sichtbar. Waldemar Otto war ein großer Bildhauer und prägender Lehrer. Er gab eine starke Orientierung und das war sein Verdienst.“

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Foto © Berit Böhme