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Ein (Hochschultage-)Wochenende zwischen Kunst/Design und Musik

Ein (Hochschultage-)Wochenende zwischen Kunst/Design und Musik

Am 9./10. Februar öffnete die Hochschule für Künste Bremen ihre Türen

Samstag 9.2., 11 Uhr: Während Mitarbeiter*innen und Künstler*innen der HfK Bremen noch die letzten Handgriffe tätigen, kommen schon die ersten Besucher*innen in den Speicher XI, um ihre Entdeckungstour durch Studios, Ateliers, Klassen und Werkstätte zu starten. „Wir sind extra aus Münster angereist“, erklärt ein Ehepaar und bahnt sich den Weg durch die vier Etagen des historischen Gebäudes in der Überseestadt, wo der Fachbereich „Kunst und Design“ angesiedelt ist. Für das passende musikalische Begleitprogramm sorgen stündliche Konzerte von Musiker*innen aus dem Fachbereich „Musik“, die für die Hochschultage das Equipment aus der Dechanatstraße in der Bremer Innenstadt mitgebracht haben. Das musikalische Programm variiert von Solos über kleinere und größere Ensembles hin zur Big Band und gibt die Vielfalt der Stilrichtungen von Alter Musik über Jazz hin zu experimentellen Klängen wieder.

Ob lange Anreise oder kurze Stippvisite von interessierten Bremer*innen: An beiden Tagen des Wochenendes vom 9./10. Februar 2019 kommen Tausende Besucher*innen, um Kunstwerke, Installationen und Performances aus der „Freien Kunst“ zu erleben, gestaltete Produkte aus dem „Integrierten Design“ zu bestaunen und innovative Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine aus den „Digitalen Medien“ zu entdecken – und die Überschneidungen dieser drei Studiengänge.

Samstag, 9. 2., 14 Uhr: Im Beisein von Prof. Dr. Eva Quante-Brandt, Senatorin für Wissenschaft, Gesundheit und Verbraucherschutz, einer Reihe von Bremer Ehrensenatoren und drei der ehemaligen Rektoren der HfK werden die „Hochschultage 2019“ offiziell eröffnet. Nach Grußworten von Rektor Prof. Roland Lambrette und der Wissenschafts-Senatorin stellt die Verleihung der „Hochschulpreise“ für den Fachbereich Kunst und Design einen ersten Höhepunkt dar: Namhaft besetzte Jurys liefen bereits einen Tag zuvor im Speicher die nominierten Beiträge ab, um diese am Samstag feierlich auszuzeichnen. Weitere Informationen und Fotos der Preisträger*innen-Werke (© Luisa Eugeni) hier.
Das Opening selbst ist ein Kunstwerk für sich. Ariane Ari Litmeyer, Anna-Lena Lila Völker und Mattia Bonafini, Studierende der Freien Kunst an der HfK, haben unter dem Titel „crab politics“ das Auditorium gestaltet: von der parlamentarischen Sitzordnung über bewegte Bilder auf Bildschirmen und Leinwänden bis hin zu Lichtelementen, z.B. durch das Öffnen und Schließen der Jalousien. Ein unsichtbarer Chor, der durch Summen, Töne und Worte hörbar wird. All die Elemente spielen in Taktung und Rhythmus um ein musikalisches Thema, ungeachtet des Ablaufs von Grußworten und Laudationes.

Fotos © Lukas Klose

Samstag 9.2., 16 Uhr: Die Hochschultage sind in vollem Gange. In Segment 13 wird eine neue HfK-Publikation von den Herausgeberinnen Prof. Katrin von Maltzahn und Dr. Mona Schieren vorgestellt. „Re: Bunker“ heißt das Werk, dass Texte und Arbeiten von Expert*innen aus Wissenschaften und Künsten zum Thema Bunker vereint – hochaktuelle Beiträge zu zeitgenössischen Aspekten in Bezug auf Geschichtsbefragung und Erinnerungskultur. Zeitgleich gibt es im Auditorium Duette und Terzette mit Klavier und Gesang zu hören.
In der ersten Etage präsentiert sich der Fachbereich Musik in einer Art Hörbar mit verschiedenen CDs. In den verschiedenen Klassen sind verschiedene Videos, Kurzfilme, Projektionen zu sehen, am Ende des Flures sammeln sich Besucher*innen um die Tonwerksatt – Familienprogramm: Tiere und Zirkuswesen aus Ton modellieren und bemalen. Kunstvolle Keramik der Studierenden kann man im Nebenraum bewundert werden. Schräg gegenüber finden sich Klassenarbeiten der Freien Kunst. Die Klasse von Prof. Ingo Vetter hat sich für eine gemeinsame Vorgabe entschieden: 2m x 1,50m – möglichst flach. Eine Marmorplatte in den Maßen bildet, statt der zu erwartenden Lebensdaten wie sie auf einer Grabplatte zu sehen wären, die Kalendereinträge des Künstlers aus der aktuellen Woche ab. In denselben Maßen hat ein anderer Künstler den Putz von der Wand minutiös abgetragen und als Schattenwurf vor die freigelegte Backsteinfläche gelegt.
Einen Stockwerk höher fallen vor allem die verschiedenen Anwendungen, Spiele und Experimente der Digitalen Medien auf: Virtuelle Realität, ein Laptop-Orchester oder kreditkartengroße Versprechen einer relevanteren Vernetzung.
In der dritten Ebene habe die Studierenden der Digitalen Medien noch eine weitere spontane Ausstellung vorbereitet: „lowtechnofuture“ betiteln sie das kuriose Sammelsurium, in dem „Reste“ aus dem Studio in Geräte verwandelt wurden. Eine Selfie-Maschine, die auf eine Kassenrolle druckt, ein „Heißer Draht“ der leuchtet, blinkt und surrt, eine Tastatur, die als „Label-Maker“ mit verschiedenen Schrifttypen erweitert wurde. Wenn das zu experimentell ist, empfiehlt es sich wieder in die hinteren Segmente der Ebene zu gehen. Das Integrierte Design präsentiert sich mal als kunstvolle Produkt- und Materialforschung, wie in der prämierten Arbeit „print and pops – Der neue Weg einen Schuh zu drucken“, mal als Modedesign – gestrickt, genäht oder gedruckt vor, als Ausstellung und Shop unter dem Titel „copy and fake“, aber auch in Form einer fotografischen und typografischen Publikation unter dem Titel „MINSK МИНСК МІНСК“.

Und dann geht es auch weiter in die Freie Kunst: Installationen, Gemälde, Zeichnungen. Pistazien türmen sich hier, Schokonikoläuse bilden dort einen Kreis. Nylonschnüre durchspannen den Raum. Wer zum Brunnen kommen will muss sich bücken.
Die vierte Ebene hält Möbeldesign bereit – Sessel und Möbel-Ensemble, viele stellen sich der Herausforderung, ästhetisch ansprechend zu sein und gleichzeitig praktisch, im besten Falle noch multifunktional und platzsparend. Wiederverwendbare Brottüten, Hüte und andere kunstvolle Kopfbedeckungen, Fotografien.

Fotos © Lukas Klose, außer Foto #12 © Luisa Eugeni

Samstag 9.2., 20 Uhr: der erste Tag nähert sich seinem offiziellen Ende. In der Interpretenkammer bringen die Teilnehmer*innen des Seminars „Von zweiten Körpern und den Erhebungen des Krampforchesters“ den „Karneval der Nervösen“ auf die Bühne. Mit Masken, Adaptern und verschiedenen Instrumenten. Im Auditorium gibt es Audiovisuelle Kompositionen unter dem Titel „Sound Views“ zu sehen und zu hören. Im dritten Stock wird Punk gespielt.

Fotos 1–3 © Raphael Sbrzesny, Fotos 4–6 © Lukas Klose

Sonntag 10.2., 11 Uhr: Die Stimmung im Speicher ist vom regnerischen Wetter ungetrübt. Die Besucher*innen finden auch am zweiten Tag den Weg in die Überseestadt. Radio Angrezi, das am Vortag den Hochschulpreis für Interdisziplinäre Projekte erhalten hat, begrüßt alle Zuhörer*innen mit einem „Wake-Up Call“. Mittags geht es bereits mit Konzerten weiter, die kleine Bühne in der Gießerei und die große Bühne im Auditorium werden im Laufe des Tages gut besucht sein. Gerade auch die Jazz-Musiker werden am Nachmittag und am Abend das Auditorium füllen.

Fotos © Lukas Klose

Sonntag 10.2., 16 Uhr: Segment 7 – ein Artist Talk mit Studentin Lotte Agger und David Bartusch vom Freundeskreis der HfK. Lotte Agger stellt ihre Fotoserie „Gym City“ vor. Gegenüber stellen Studierende der Digitalen Medien ihre Werke aus. „Anima“ z.B., von Noriyuki Suzuki: Ein Holztisch auf dem in Glasgefäßen Wasser wie ein Herzschlag pulsiert. Oder „Symbiotic Transmitter“, von Nathalie Gebert, die Pflanzen und Elektronik in einer hybriden Struktur interagieren lässt. Im Segment 6, sind weitere Ausstellungen zu finden. Das Master-Studio System und Interaktion stellt dort z.B. Arbeiten vor, auch „Frankenstein’s Cabin“ ist dort zu finden und arbeiten der AG „Illustriminati“.

Fotos 1–5 © Lukas Klose, Fotos 6–7 © Luisa Eugeni

Sonntag 10.2., 19 Uhr: Das letzte Konzert der Fachbereichs Musik ist gerade im Auditorium gelaufen. Die Flure im Speicher leeren sich. Studierende und Mitarbeiter*innen sammeln sich noch vor den Punkmusikern, hier und da wird noch was ausprobiert, angeschaut, besprochen.
Der hohe Andrang ist immer wieder ein Zeichen dafür, dass die Hochschultage nicht nur für Studieninteressierte und Kunst- und Kulturschaffende spannend bleiben. In diesem Jahr war auch das Feedback der externen Jurys sehr positiv – die Qualität der studentischen Arbeiten überzeugt. Es ist kaum möglich, an einem Tag alles zu sehen, was die HfK Bremen an diesen Tagen zu präsentieren hat. Aber ein Besuch lohnt sich immer!

Die Studienberatung war an beiden Tagen gut besucht. Auf der anderen Seite trafen auch ehemalige Studierende an diesem Wochenende zusammen. Zu verdanken ist das der Initiative des Freundeskreis der HfK Bremen, der ein Alumni-Frühstück organisierte. Dem Freundeskreis ist aber auch viel mehr zu verdanken: die beständige Förderung einzelner studentischer Arbeiten, die Unterstützung für Reise- und Fahrtkosten, oder auch von Publikationen. Anfang des Jahres hat der Freundeskreis den Absolvent*innen des Master-Studios Mensch und Gesellschaft die Teilnahme an der „NEO.Fashion Graduate Show“ im Rahmen der Berlin Fashion Week ermöglicht – ein Filmmittschnitt der Gruppenschau war beim Alumnifrühstück während der Hochschultage zu sehen. Der Freundeskreis fördert das kreative Treiben an der HfK aber nicht nur finanziell. Ideen, Austausch und konstantes Interesse an den Entwicklungen und den Prozessen sind ein wichtiger Bestandteil dieser Freundschaft, die mit dem Bestehen der HfK Bremen in ihrer heutigen Form das 30-jährige Jubiläum teilt.
Die Hochschultage sind immer ein wichtiger Moment für die Studierenden und Lehrenden an der HfK. Alle Künste, inklusive der Musik im Speicher zu vereinen und für eine breite Öffentlichkeit zugänglich machen, ist auch eine Art, etwas an die Stadt und ihre Bürger*innen zurückzugeben. Zu zeigen, was in den zwei historischen Gebäuden, die die Hochschule für Künste belebt, vor sich geht, was im Laufe eines Jahres entsteht, wie die Künstler*innen und Musiker*innen am Zahn der Zeit bleiben, ohne das Fundament zu verlieren.

Aber die Hochschultage sind gleichzeitig nur ein Teil dessen, was die HfK im Laufe eines Jahres so tut. Im Sommer findet ein musikalisches Großevent statt, zu dem der Fachbereich Musik einlädt und dort die Hochschulpreise in den verschiedene musikalischen Spaten verleiht. Ab Mai wird die HfK auf verschiedene Weisen die Biennale di Venezia begleiten – wenn möglich auch vor Ort, nicht zuletzt, weil HfK-Professorin Natascha Süder Happelmann dort den Deutschen Pavillon bespielt. Im Laufe des Jahres wird auch der Plan einer weiteren Ausstellungsfläche der HfK Bremen verwirklicht: ein Ausstellungsraum auf Pontons, der an verschiedenen Stellen in Bremen anlegen kann. So haben die Künstler*innen des Hauses nicht nur mehr Raum für die Ausstellung ihrer Arbeiten – sie haben auch die Möglichkeit, stärker in die Stadt hineinzugehen und zu wirken.

Wenn im Oktober 2019 also die nächste Erstsemesterbegrüßung stattfindet und die Planung für die Hochschultage 2020 immer konkreter wird, ist vielleicht auch schon klar, dass es dann neben den verschiedenen Segmenten im und um den Speicher eine schwimmende Ausstellung geben wird.

Vorschaubild © Luisa Eugeni

1. März 2019