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Venedig Dossier der HfK-Bremen

Vorstellung des Raum- und Klangkonzepts „Deutscher Pavillon“

„Generell macht niemand irgendetwas allein.“ – Helene Duldung / Kollaboration im kollektiven künstlerischen Projekt
Zweites Video der bespielenden Künstler*in Natascha Süder Happelmann, Pressekonferenz zum Deutschen Pavillon am 20. Februar 2019 in Leipzig:

Wenige Monate vor Eröffnung der 58. Internationalen Kunstausstellung der Biennale di Venezia präsentierte Kuratorin Franciska Zólyom am 20. Februar  2019 einen Zwischenstand der Vorbereitungen für Natscha Süder Happelmanns künstlerischen Beitrag im Deutschen Pavillon und stellte erstmals alle künstlerisch Beteiligten vor. Neben Sprecherin Helene Duldung (Susanne Sachsse) und Maziyar Pahlevan, der für das grafische Erscheinungsbild des Projektes verantwortlich ist, stoßen sechs Komponist*innen und Musiker*innen, die aus sehr spezifischen und unterschiedlichen Musiktraditionen kommen, zum Team: Jessica Ekomane, Maurice Lourca, Marlon Silva alias DJ Marfox, Tisha Mukarji, Jako Maron und Elnaz Seyedi.

Wie in bisher vielen Solo- und zahlreichen kollektiven künstlerischen Projekten Natascha Süder Happelmanns spielt auch im aktuellen Arbeitsprozess Kollaboration eine große Rolle. Die hier vorgestellten Beteiligten tragen mit konzeptuellen oder künstlerischen Ausformulierungen, mit speziellem Wissen oder im transdisziplinären Dialog zur Gestaltung des Projekts im Pavillon bei. Sozialität, als der Versuch gegenseitigen Vertrauens und gegenseitiger Unterstützung, ist dabei eines der zentralen Interessen.

Das Raumkonzept für den Pavillon entwickelt Natascha Süder Happelmann mit der Kooperative für Darstellungspolitik, die zur Repräsentation politischer und kultureller Anliegen in der Öffentlichkeit forscht und in ihrer Praxis räumliche Gestaltung als Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung versteht.

Franciska Zólyom, Kuratorin des deutschen Pavillons 2019, hält Vortrag zum Biennale Projekt an der HfK

Die Kuratorin des deutschen Pavillons 2019 war zu Gast an der HfK. Im Rahmen der Vortragsreihe Freie Kunst gab es so die Gelegenheit, mehr über das Konzept des Beitrags von Natascha Süder Happelmann zu erfahren.
Interview zum Vortrag bei Radio Bremen 2
Interview im Weserkurier

„Don’t Call Me Names“ oder „Was die HfK-Bremen mit der Kunstbiennale in Venedig zu tun hat“.

Bericht zum Vortrag am 12.12.2018

Als Franciska Zólyom zur Vortragsreihe Freie Kunst an der HfK-Bremen eingeladen wurde, war noch nicht bekannt, dass sie für den deutschen Pavillon der Biennale di Venezia 2019 mit einer HfK Professorin zusammenarbeiten würde. Umso größer war nach dieser Bekanntgabe am 25. Oktober das Interesse der Bremer Öffentlichkeit und Medien an ihrem Vortrag „Don’t Call Me Names“.

Zólyom nahm den Vortrag zum Anlass, ihren Ansatz und das Konzept für das Projekt des deutschen Pavillons und ihre Zusammenarbeit mit Natascha Süder Happelmann näher zu erläutern. Diese Gelegenheit nahmen nicht nur zahlreiche Studierende und Lehrende der HfK wahr, auch viele kunstinteressierten Bremer*innen kamen in die Hochschule. Karin Hollweg, (Ehrensenatorin der HfK, Karin und Uwe Hollweg Stiftung), Janneke de Vries (Direktorin Museum Weserburg), Dr. Iris Reuther (Senatsbaudirektorin), Bettina Wilhelm (Landesbeauftragte für Frauen), Nicole Giese-Kroner (Künstlerische Leitung des Syker Vorwerk) und viele weitere Gäste aus Kunst, Kultur und Politik zeigten ihr Interesse für diesen Vortrag.
Zólyom ging auf ihre Gründe und Kriterien für die Berufung der HfK-Professorin zur Bespielung des deutschen Pavillons 2019 ein und nahm das Publikum unter dem Titel „Don’t Call Me Names“ mit auf den Weg des gedanklichen und politischen Prozesses des deutschen Beitrags für die kommende Biennale:
„Name calling“ bedeutet so viel wie „beschimpfen“. Weiter gedacht spielt der Titel aber auch mit der Frage des Benennens oder Bezeichnens, und der damit verbundenen Fremdbestimmung. Die Praxis der positiven Umdeutung und Aneignung pejorativer Fremdbezeichnungen ist aus emanzipatorischen Kontexten verschiedener sogenannter „Minderheiten“ bekannt. Diese Fremd- oder auch Falschbezeichnungen haben noch weitere Dimensionen: Wer einen Namen führt, der „fremd“ klingt oder eine „fremde“ Schreibweise hat, kennt die Vielfalt an Falschschreibungen, die an eine*n herangetragen werden. Und wer sich die heute so selbstverständliche Identifikation von Künstler*in und Werk vor Augen führt, kommt nicht umhin, die subversive Komponente der selbstbestimmten Namensabwandlung von Natascha Süder Happelmann zu erkennen.
„Die Auseinandersetzung mit künstlerischer Arbeit ist immer dann bedeutend, wen sie vermeintlich unumstößliche Setzungen herausfordert, wen sich aus ihr ein vertieftes Verständnis für dringliche Fragen der Gegenwart gewinnen lässt, wenn die Beteiligten – die Künstler*innen und Rezipient*innen – aus der Auseinandersetzung heraus ihre Rolle hinterfragen und andersartige Denk- und Handlungsweisen schöpfen können.“, heißt es im kuratorischen Statement zum deutschen Pavillon 2019. Die Reaktionen auf den selbstgegebenen Namen, aber auch das öffentliche Auftreten von Süder Happelmann führen schnell zu Verunsicherungen: Süder Happelmann erscheint bei der Pressekonferenz am 25.10.2018 sowie in einem Video zum Projekt für die Biennale als Mensch mit Steinkopf – Elemente die an sich nicht zusammenpassen. Die Künstler*in verstummt unter dem Stein und überlässt das Reden ihrer Sprecherin Helene Duldung. Zweifelsohne stellt dieses Auftreten die Rolle der Künstler*in, ihre Identität und ihre Vermarktbarkeit in Frage. Die Selbstbenennung, die Anonymität und Entmenschlichung durch den Steinkopf, Frau Duldung als Sprachrohr und nicht zuletzt der Auftritt von Süder Happelmann vorm Auswärtigen Amt (siehe Pressefoto weiter unten im Dossier) verdeutlichen die politische Komponente dieses Beitrags sowie seine Aktualität.
Die HfK Bremen legt in der Ausbildung der Studierenden neben der freien künstlerischen Praxis Wert auf die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Theorie, Kunstgeschichte und Philosophie. Durch den Dialog mit engagierten Dozent*innen können die Studierenden so ihre eigene künstlerische Position entwickeln. Politische und gesellschaftsrelevante Ansätze spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian, die an der HfK Bremen die Professur Bildhauerei innehat, nähert sich auch in ihrer Lehre durch das Besprechen, Diskutieren und Erfragen von verschiedenen gesellschaftsrelevanten Themen der künstlerischen Arbeit – Kunst als Forschungsprozess.
Die Fragen aus dem Publikum waren nicht nur Zeugnis von Interesse, sondern auch vom Gelingen des Ansatzes, die Rezipient*innen herauszufordern und davon, dass das Projekt schon im Vorfeld Gedankenprozesse in Bewegung setzt.

Der nächste öffentliche Auftritt von Natascha Süder Happelmann ist für Februar 2019 angedacht. Das genaue Datum sowie Neuigkeiten zu dem Projekt werden im Venedig-Dossier der HfK-Bremen veröffentlicht.

14.12.18/KN

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Foto: Franciska Zólyom während des Vortrags "Don't Call Me Names", 2018, Foto ©Laura Baumann 

HfK-Kunstprofessorin bespielt den Deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig 2019

Natascha Süder Happelmann gestaltet den deutschen Beitrag auf der Venedig-Biennale 2019
+ Video online: Pressekonferenz des Deutschen Pavillons 2019

Für die Gestaltung des deutschen Beitrags auf der 58. Internationalen Kunstausstellung der Biennale di Venezia arbeitet Franciska Zólyom, Kuratorin des Deutschen Pavillons 2019, mit der Künstlerin Natascha Süder Happelmann zusammen, die als Professorin an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen lehrt.

Natascha Süder Happelmann, der Name ist ein Pseudonym und Teil des künstlerischen Konzeptes, ist eine wichtige Stimme der Gegenwartskunst. „In ihren Arbeiten bringt sie das poetische, imaginäre und kritische Potenzial von Kunst zur Entfaltung. Sie steht für eine künstlerische Positionierung, die ästhetische und wissenschaftliche Konzepte, soziale oder politische Zustände nicht nur analysiert oder kommentiert, sondern diese auch aktiv verändert und ihr Rollenverständnis sowie ihre Handlungsweise für den jeweiligen Arbeitsprozess neu gründet“, heißt es in der Begründung zu ihrer Auswahl. Sie hat seit 2014 die Professur für Bildhauerei (Denken als Körper, Gestalt, Form, Formation) an der HfK Bremen inne.

Zahlreiche Medien berichteten, unter anderem:

Video zur Pressekonferenz des Deutschen Pavillons am 25. Oktober 2018: https://vimeo.com/299785317

Für den Beitrag im Deutschen Pavillon 2019 arbeitet Happelmann mit ihrer persönlichen Sprecherin Helene Duldung. Sie hat ihren Namen der besonderen Aufgabe auf der Kunstbiennale angepasst. Die Künstlerin hat dafür eine Sammlung von Namen, mit denen sie in den letzten dreißig Jahren adressiert wurde, ausgewertet. Nach sorgfältiger Prüfung der verfügbaren Varianten, die durch Autokorrektur und Fehlschreibung seitens öffentlicher Stellen zustande kamen, wählte sie mithilfe algorithmischer Parameter und gesellschaftlicher Protokolle den geeigneten Namen Natascha Süder Happelmann aus: Eine optimale Form der Integration.

Den Fetisch „Künstlerbiografie“ aushebeln

Das Entbinden des Künstlersubjekts von repräsentativen Rollen oder politischen Instrumentalisierungen ist immer wieder Bestandteil ihrer künstlerischen Praxis. Bereits mit der 2004 von der Künstlerin gegründeten Lebenslauf-Tauschbörse bioswop.net werden Konzepte wie Identität, Repräsentation, Fakt und Selbst neu zur Verhandlung gestellt und der Fetisch „Künstlerbiografie“ ausgehebelt.

„Ich gratuliere herzlich zu der ehrenvollen Aufgabe“, sagt Roland Lambrette, Rektor der HfK Bremen, „Mit Pseudonymen zu operieren gehört zu unseren digitalen Lebenswelten, ist gängige Praxis von Codenamen auf Dating-Plattformen über Decknamen und Avatare bis zu digitalen Parallelidentitäten. Unsere Kollegin geht mit ihrer bioswop-Plattform noch einen Schritt weiter und erprobt künstlerische Strategien, sich Schubladen und Festschreibungen zu entziehen und Masken zu finden für das Spiel mit Identitäten.“

Happelmann arbeitet vornehmlich installativ und performativ sowie mit Text und Klang. Als individuelle oder kollektive künstlerische Position lässt sie ihre Praxis immer wieder in politische, gesellschaftliche Prozesse einfließen. Dabei thematisiert sie den aktivistischen Aspekt künstlerischer Arbeit und misst die Bedingungen und Räume für ästhetische Forschung und künstlerisches Handeln neu aus.

Erstes Video der Künstler*in zum deutschen Pavillon auf der Biennale di Venezia 2019: https://vimeo.com/296402227

Der deutsche Beitrag zur 58. Internationalen Kunstausstellung – La Biennale di Venezia entsteht im Auftrag des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland und wird realisiert in Zusammenarbeit mit dem ifa (Institut für Auslandsbeziehungen).

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Foto: Natascha Süder Happelmann (rechts) und ihre Sprecherin Helene Duldung (links) vor dem Auswärtigen Amt, 2018, Foto © Jasper Kettner

Foto Vorschau: Vorstellung der künstlerischen Position, Natascha Süder Happelmann, Deutscher Pavillon 2019, La Biennale di Venezia, Foto©  Stefan Fischer

19. Februar 2019