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HfK-Meisterschüler Martin Reichmann mit Karin Hollweg Preis ausgezeichnet

Antike Vorlage, zeitgenössischer Preis

HfK-Meisterschüler Martin Reichmann ausgezeichnet

Der Karin Hollweg Preis 2022 geht an Martin Reichmann für sein Werk „abtrünnig“.

Es ist Teil der Schau „Weaving Echoes, Meisterschüler*innen der Hochschule für Künste Bremen“ im Gerhard-Marcks-Haus, die vom 11. Juni bis 17. Juli 2022 zu sehen ist und extra für diese Ausstellung angefertigte Arbeiten von zehn Künstler:innen präsentiert. Vertreten ist die gesamte Breite der Gegenwartskunst von Malerei, Keramik und Plastik bis hin zu ortsbezogenen Interventionen, Performances, Klangarbeiten sowie Raum- und Videoinstallationen.

Der Karin Hollweg Preis ist einer der höchstdotierten Förderpreise aller Kunsthochschulen in Deutschland. Ermöglicht wird er dank der großzügigen Unterstützung der Karin und Uwe Hollweg Stiftung. Der Preis wird jährlich mit 15.000 Euro ausgewiesen, wobei eine Hälfte als Preisgeld direkt an die Preisträger ausgezahlt wird, die zweite Hälfte ist für die Realisierung einer Einzelausstellung reserviert. Die wird Reichmann 2023 in der Weserburg gestalten, wie es während der Preisverleihung hieß.

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Von links: Karin Hollweg, Preisträger Martin Reichmann und Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses. Foto: Lukas Klose

Reden der Preisverleihung

Dass der Preis nicht traditionell zur Ausstellungseröffnung, sondern kurz vor der Finissage verliehen wurde, lobt Kurator Arie Hartog, Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses: „So konnten die ausgestellten Arbeiten erstmal für sich wirken.“ Seiner Einschätzung nach haben alle Ausstellenden eine eigne künstlerische Sprache an der HfK entwickelt und diese mit ihren neuen Werken als Punktlandung im Marcks-Haus behauptet. Hartog erwähnt, was aus ehemaligen HfK-Meisterschüler:innen werden könne. Ein solcher aus dem Jahr 2005 sei der Bremer Bildhauer Dietrich Heller, dem die nächste Ausstellung im Marcks-Haus gewidmet werde: „Ungebremst“ (31. Juli bis 23. Oktober 2022).

HfK-Rektor Roland Lambrette bedankt sich bei Karin Hollweg und dem Marcks-Haus. Dort hätten alle Meisterschüler:innen vom großem Respekt und der außergewöhnlichen Unterstützung auf allen Ebenen des Kunst- und Ausstellungmachens berichtet.

Natascha Sadr Haghighian, HfK-Professorin für Bildhauerei, ruft den Studierenden zu: „Stay with the trouble.“ Sie erklärt das Ausstellungsmotto „Weaving Echoes“ mit Passagen aus Suzanne Simards Buch „Die Weisheit der Wälder“. Dessen Botschaft lautet: Ein Wald ist mehr als viele Bäume, er ist eine Gemeinschaft über Wurzeln und Pilzgeflechte kommunizierender und füreinander mit Nährstoffeaustausch sorgender Lebewesen. Er ist wie wir Menschen sein sollten und wie Natascha Sadr Haghighian die Meisterschüler:innen erlebt hat. Dieses Verbundensein im oberirdischen Austausch und unterirdischen Netzwerken würde Echos erzeugen, die Studierenden hätten gelernt, diese wahr- und in ihre Arbeit aufzunehmen.

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Der Künstler über sein Werk

Das ausgezeichnete Werk von Martin Reichmann besteht aus drei Pferdeköpfen. Einer liegt mitten im Weg zwischen den Ausstellungsräumen des Museums, einer hängt an der Wand, beide wurde in Ton modelliert und dann in Beton gegossen. Ein Kopf steht im Pavillon, wurde aus einem Gipsblock gehämmert und geschliffen und magenta getüncht. Warum dieses tierische Motiv? Wir fragen mal beim Künstler nach. Er sei vom Ort der Ausstellung ausgegangen, erzählt Reichmann. Der klassizistische Marcks-Haus-Tempel verweise auf die Antike. „Das erinnerte mich an meinen Besuch in Athen, ich war auf der Akropolis und sah Leerstellen, es fehlten vielfach Objekte" - etwa die Parthenon Marbles, die Lord Elgin, im 19. Jahrhundert britischer Botschafter im Osmanischen Reich, entfernen ließ und ans British Museum verkaufte. Dort sind sie bis heute ausgestellt als Ikonen der klassischen Skulptur. Darunter der Kopf eines Streitwagen ziehenden Pferdes vom Ostgiebel des Parthenons, ein Tempel für die Göttin Athene auf der Akropolis. Dieses Bildwerk interpretiert Reichmann nun neu. So wie die antike Skulptur die Abstraktion eines realen Pferdekopfes sei, abstrahiere er nun davon. Schaffe die Kopie einer Kopie einer Kopie …

Ist das ein Statement gegen Raubkunst? „Das schwingt unterschwellig mit“, sagt der Hollweg-Preisträger. Primär gehe es ihm aber darum, dass das einst heroische Pferd nun am Boden liege, als ramponierte Version und Zeichen fürs Ende einer Hochkultur – nur noch als alberne Kirmesspaß-Figur tauge es wie in der aufgehübschten Kitschversion im Pavillon.

Reichmann: „Das laienhaft produzierte Betonrelief am Boden kann als banales, auf die Antike verweisendes, architektonische Zierelemente gelesen werden, demontiert und abgelegt, hängengelassen und übersehen. Das Hässliche des Alltags hat sich eingerichtet, um zu verrotten wie die Köpfe: abgetrennt, die Zunge erschlafft, der Blick leer. Doch es gibt noch Hoffnung: Ein dritter Kopf, der noch nicht zu Boden gegangen ist. In Anlehnung an die Anmutung eines Rummels mit seinen kitschig-trashigen Figuren und Airbrushästhetik bildet der verzerrte, auf seinem Halsstumpf ruhende, aufgequollene Pferdekopf in schriller Glitzerlackierung einen Kontrast zu den ruinierten Betonreliefpendants, die schwer wie Blei, im Raum verweilen. Die antike Polychromie findet ihren Wiedergänger in Form von buntem Autolack. Das überhebliche, vermeintlich weiße Erbe wird verspottet und bedauert, Spaß kommt in die Sache. Die Köpfe evozieren verschiedene narrative Möglichkeiten, die Grenzen zwischen den Zeiten, Hintergründen, Positionen und Orten werden überschritten, verwischt und neue Perspektiven bekommen Raum. Abtrünnige Perspektiven? Der Titel verweist auf das rebellische Moment, aber auch einfach darauf, dass hier ein abgetrennter Kopf vorliegt. Vielleicht ein Symbol für das entkoppelte Individuum, dass abgeschnitten von der Geschichte über das Ende dieser Hochkultur stolpert, welches irgendwo zwischen Pommesresten und Kippenstummeln auf dem Boden liegt."

Jurybegründung

Die Jury begründet ihr Votum für Reichmann so: „In seiner Arbeit vollzieht Martin Reichmann das irritierende Zusammenspiel von drei Komponenten: Die Werke verfügen über ein oft rüdes Erscheinungsbild, einen scheinbar dilettantischen Umgang mit dem Material, bei dem es sich häufig um den Baustoff Beton handelt. In dieses Material überträgt er geläufige Gegenstände aus dem Alltag oder kollektiven Gedächtnis und führt deren Nutzen ad absurdum. Zu diesen beiden Punkten gesellt sich eine präzise räumliche Inszenierung, in der er sowohl auf die individuellen Ausstellungsräume reagiert als auch auf den Charakter des Orts. Daraus ergibt sich in der Gesamtheit eine Situationskomik, die dazu führt, noch einmal genau hinzuschauen und sich den mehrschichtigen, klugen Inhalt zu erschließen. Die Arbeit im Kontext der Meisterschüler:innenausstellung überzeugte durch eine scheinbare Zurückgenommenheit, obwohl sie gleichwohl durch Witz und Form präsent ist und in ihrer Dreiteiligkeit selbst aus der Abgeschiedenheit des Pavillons heraus die Ausstellung mit ihren einzelnen künstlerischen Positionen verbindet.“

Jury

Zur Jury 2022 gehören: Matilda Felix (Städtische Galerie Delmenhorst), Eva Fischer-Hausdorf (Kunsthalle Bremen), Wolfgang Hainke (Künstler), Annette Hans (GAK, Gesellschaft für Aktuelle Kunst), Andreas Kreul (Karin und Uwe Hollweg Stiftung), Nadja Quante (Künstlerhaus Bremen), Frank Schmidt (Museen Böttcherstraße), Janneke de Vries (Weserburg, Museum für moderne Kunst) und Veronika Wiegartz (Gerhard-Marcks-Haus).

Biografisches

Martin Reichmann, geboren 1989 in Bremerhaven, arbeitet überwiegend bildhauerisch, zwischen Installation, Skulptur und Raumintervention. Er studierte ab 2010 unter BKH Gutmann und Elisabeth Wagner freie Kunst an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel und schloss dort 2014 das Studium ab. Seit 2017 studierte er freie Kunst an der Hochschule für Künste Bremen bei Kayle Brandon, Olav Westphalen und Ingo Vetter. Er erhielt 2021 sein Diplom und wurde Meisterschüler bei Ingo Vetter. Reichmann nahm, oft auch in Kooperation mit Künstlerkolleg:innen, an verschiedenen Gruppenausstellungen in Norddeutschland teil.

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Fotos: Lukas Klose / Sandra Beckefeldt