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Kunst-Biennale im türkischen Sinop mit mehreren HfK-Beiträgen

Kunst-Biennale im türkischen Sinop mit mehreren
HfK-Beiträgen

Prof. Dr. Sick und Prof. Paul mit Forschungsprojekt „The Dynamic Archive“ sowie Prof. Serbest mit ihrem Studierenden-Kollektiv „Temporary Spaces“ vor Ort

Bereits zum siebten Mal wird in der nördlichsten türkischen Stadt Sinop – die idyllisch am Schwarzen Meer liegt – eine kleine, aber renommierte Biennale veranstaltet. Unter dem Titel „Here and Where – A Politics of Location“ beschäftigt sie sich mit den Möglichkeiten einer Politik des Lokalen. Die „Sinopale 7“ findet vom 16. August bis zum 6. September 2019 statt und will situierte Praktiken und kollektive Prozesse generieren. Ihren Ausgangspunkt hat sie dabei in der ehemaligen Markthalle „Hal“ im Zentrum von Sinop. Von dort aus erforschen Künstler*innen, Architekt*innen und Wissenschaftler*innen im Austausch mit lokalen Gruppen verschiedene Orte der anatolischen Schwarzmeerregion und sammeln auf gemeinsamen Wegen Erfahrungen, Geschichten und Wissen.
Für die Hochschule für Künste Bremen steht nicht nur Interdisziplinarität und Kooperativität auf ihrem Programm, sondern auch das aktive Weitertragen von liberalem Gedankengut und das Einstehen für Toleranz und demokratische Prozesse. Bei ihrer Teilnahme an der Sinop Biennale setzt sie damit aktiv ein Zeichen für die Signifikanz von künstlerischen Projekten in einem globalen Kontext, zumal in einer Zeit, in der im Hinblick auf das Verhältnis von Europa und der Türkei viel Engagement gefragt ist.

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The 7th Sinop Biennial Poster Series © Mona Mahall, Asli Serbest

Als Modifikation des Idioms „hier und da“ bezieht sich der Titel „Hier und Wo“ der diesjährigen Sinop Biennale auf einen Ort jenseits der Grenze unserer Wahrnehmung; ein Ort, der von unseren dominanten Narrativen ausgeschlossen ist; an dem jedoch politische und soziale Realitäten zusammen mit einer Geschichte des materiellen, sprachlichen und mythologischen Austauschs die gegenwärtige Lebenswelt bilden. Das Lokale bestimmt sich nicht durch einen begrenzten Ort, sondern durch historischen Kontakt, in Beziehungen, Übersetzungen und Verschiebungen. Das Lokale findet als Reihe von Begegnungen, Kontakten und Konflikten – als Reiseroute – statt; auf Bahnen, die Bewegungen von Lebewesen und Dingen ermöglichen und zugleich disziplinieren.
Die Sinopale will alternative Wissensprozesse initiieren, neue kollektive Praktiken testen, Kunst produzieren und nicht nur platzieren. Ziel ist es, mögliche andere und emanzipierte Beziehungen zwischen Gästen, der lokalen und globalen Umwelt und ihren Bewohnern (Tieren, Menschen, Pflanzen, Technik) zu entwickeln. Um diese Wissensformen von der Schwarzmeerküste nach Istanbul und an andere Orte zu übertragen, lassen die Kuratorinnen Asli Serbest und Mona Mahall ein offenes und nomadisches Archiv erstellen, um die etablierten Praktiken und kollaborativen Prozesse fortzusetzen und zu teilen.

Das ebenfalls an der HfK Bremen gestartete Forschungsprojekt „The Dynamic Archive“, das von Prof. Dr. Andrea Sick und Prof. Dennis Paul geleitet wird, ist für die Sinopale von zentraler Bedeutung. Nicht allein wird es in Sinop zu künstlerischen Praktiken forschen und hierzu Interviews mit den Künstler*innen führen. Die Notationen und Prinzipien der in Sinop beteiligten Künstler*innen werden als Komponenten Eingang in das Dynamische Archiv finden, das nach dem 6. September dann unter anderem in Istanbul, Bremen und Berlin präsentiert und zur Diskussion gestellt wird. Das Dynamische Archiv ist ein rezeptives System, um künstlerisches Wissen und Praktiken auszutauschen und verfügbar zu machen. Kollaborative Prozesse können so erforscht und erprobt werden. Dieses interaktive Archiv ist somit ein Werkzeug, in dem Arbeitsbeschreibungen, Notationen von Choreografien, Software, Tools etc. von künstlerischen Arbeiten abgelegt werden. Diese können dann einerseits im Ganzen oder auch nur in einem ausgewählten Teil von anderen Künstler*innen weiterentwickelt oder andererseits zum Ausgangspunt für neue Arbeiten werden. Das so stetig wachsende Dynamische Archiv wird derzeit – in Anlehnung an Prinzipien des Luhmannschen Zettelkastens – mit dem Berliner Studio The GreenEyl als Webapplikation, aber auch mit physischen Komponenten realisiert. In einer ersten Version ab Oktober 2019 wird es mit zahlreichen Archivkomponenten öffentlich zur Verfügung stehen.
Weitere Informationen zum „Dynamischen Archiv“ unter thedynamicarchive.net

Kuratorinnen der Sinop Biennale 7 sind Asli Serbest, Professorin für Temporäre Bauten an der HfK, und Mona Mahall, die an der HafenCity Universität Hamburg die Professur für Architektur und Kunst innehat. Beide sehen in der Sinopale den Auftakt zu einer „wachsenden Ausstellung“. Sie erhoffen sich von den teilnehmenden Künstler*innen und deren Projekten, dass damit Prozesse initiiert werden, die sich in den kommenden Monaten noch weiterentwickeln werden. Nach dem Ende der Sinopale am 6. September 2019 schließt sich eine dokumentierende Ausstellung in Beyoğlu/Istanbul (12.–20. September 2019) an, die ab Dezember auch in Berlin zu sehen sein wird.

Die HfK Bremen wird mit einer ganzen Reihe von Angehörigen des Fachbereichs Kunst und Design aus verschiedenen Lehrgebieten teilnehmen. Neben Prof. Asli Serbest werden dies die Lehrenden Prof. Dr. Andrea Sick (Medientheorie, Kultur- und Mediengeschichte) und Prof. Dennis Paul (Interaktion und Raum) sein sowie 15 Student*innen aus der Freien Kunst, dem Integrierten Design und den Digitalen Medien und drei Absolvent*innen.
Asli Serbest ist sich ihrer Doppelrolle als Kuratorin der „Sinopale 7“ und als HfK-Professorin bewusst: Ihr Studierenden-Kollektiv „Temporary Spaces“ leistet ebenfalls seinen künstlerischen Beitrag zur Ausstellung. Serbest wünscht sich für die dreiwöchige Kunstbiennale einen freien und kreativen Austausch sowie ein konstantes Hinein- und Heraustragen von Themen und Haltungen: „Obgleich sich dieses Projekt durch intensive Vorarbeiten in den HfK-Klassen und -Seminaren wie durch eine eingehende Forschungsreise von Mona Mahall und mir auszeichnet, soll es als Gesamtprojekt während der Zeit in Sinop bewusst offen gestaltet sein. Die Konzentration auf eine solch offene Struktur ermöglicht es, im Rahmen einzelner künstlerischer Formate wie Workshops, Roundtables oder auch Präsentationen sowohl einen inklusiven Handlungsraum zu schaffen als auch Kunstproduktion als einen aktiven und politischen Prozess zu erproben.“
Die Prozesse, die von den Künstler*innen vor Ort begonnen werden, sollen nach Beendigung der Biennale noch intensiviert und reflektiert werden. Als potenzieller Veranstaltungsort ist hierfür das Projekt „Nomadische HfK“ denkbar. Dieses von Asli Serbest und Mona Mahall konzipierte und derzeit zu realisierende Ausstellungskonzept einer „schwimmenden Galerie“ wird voraussichtlich 2020 fertig gestellt. Es eröffnet als ein mobiler Ausstellungsraum der HfK Bremen neue Möglichkeiten, ihre Projekte und Arbeiten innovativ außerhalb der beiden Standorte Speicher XI und Dechanatstraße in die übrige Stadt hineinzutragen. Geplant sind verschiedene Anlegestellen, zum Beispiel im Europahafen, an der Weserburg, der Kunsthalle, wo der auf Pontons schwimmende Ausstellungsort vertäut und temporär von den Studiengängen des Fachbereichs Kunst und Design als weitere HfK-Galerie genutzt werden kann.

Die Kuratorinnen Asli Serbest und Mona Mahall konzipierten die Sinop Biennale als eine prozessorientierte Kunstveranstaltung, die von der Partizipation der und dem unmittelbaren Austausch zwischen Künstler*innen, Wissenschaftler*innen, Studierenden und vor allem der Bevölkerung bzw. dem Umfeld vor Ort lebt. Asli Serbest und Mona Mahall arbeiten seit 2007 als Kollektiv zusammen. Durch ihre forschungsbasierte Praxis reflektieren und produzieren sie Raum in unterschiedlichen Medien und Formaten: Installationen, Architekturen, Ausstellungen, Szenografien sowie (Video-)Texte, Konzepte und Publikationen. Ihre Projekte untersuchen vergangene, gegenwärtige und zukünftige Kontexte mit dem Ziel, die Relationen zwischen Architektur, Kunst und dem Politischen zu verhandeln. Sie stellen aus und publizieren international, unter anderem bei der Biennale di Venezia, 2012, 2014, 2019; Württembergischer Kunstverein Stuttgart, 2015, 2018; Riverrun Istanbul, 2018; Pinakothek der Moderne, München, 2017; Storefront for Art and Architecture, New York, 2014, 2015; HKW, Berlin, 2012; Vancouver Art Gallery, 2013; Künstlerhaus Stuttgart, 2013; New Museum, New York, 2009; in E-Flux journal, Volume Magazine, Perspecta, The Gradient: Walker Art Center, AArchitecture, Deutschlandfunk und anderen Online- und Offline-Publikationen.
Mehr Informationen zum Programm der Sinopale gibt es auf der offiziellen Webseite, bei Facebook, Twitter oder Instagram.

Die Sinopale wird unterstützt vom Institut für Auslandsbeziehungen, Saha, der Hochschule für Künste Bremen und dem Freundeskreis der HfK Bremen sowie von SPOT Projects und dem Goethe-Institut.

23. Juli 2019