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Starke HfK-Präsenz bei der BBK-Jahresausstellung in der Städtischen Galerie

Duftig oder stinkig - diese Kunst

Es gibt Musik zum Hören, es gibt Kunst zum Sehen, es gibt Kunstformen für beide Sinne zusammen, um berührt zu werden sind viele Skulpturen geschaffen worden und Haute Cuisine spricht vor allem die Geschmacksnerven an. Doch die Nase hat in unseren kulturellen Aktivitäten bisher keine größere Rolle gespielt hat.

Kunst, die betörend duftet, oder Kunst, die heraufordernd stinkt, gibt es kaum. Daher möchten zehn Bremer Kunst-Institutionen im Gemeinschaftsprojekt „Smell it! Geruch in der Kunst“ ihrer bisher nahezu geruchslosen Ausstellungswelt einmal etwas zum Schnüffeln entgegensetzen. Es sind mit Duftstoffen arbeitende zeitgenössische Künstler*innen geladen, ihre Positionen zu diesem Thema umzusetzen und dabei zu zeigen, wie extrem immersiv die Gerüche sind.

Unter dem „Smell it!“-Label zeigt beispielsweise der Bremer Verband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) in der Städtischen Galerie seine Jahresausstellung 2021: „Olfaktor: Geruch gleich Gegenwart". Mehr als die Hälfte der 15 Positionen aus der Bremer Kunstszene stammt von ehemaligen und derzeitigen HfK-Studierenden.

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Mari Lena Rapprich: Sound Kitchen, 2021, mobiles Küchenmodul, diverse Materialien
Foto: Franziska von den Driesch

So zeigt etwa Zhé Wang in der Städtischen Galerie die Mixed-Media-Installation „Smell your minds“, den „Schweiß der Erde“ hat Stephan Thierbach eingefangen, Anne Schlöpke präsentiert ihr Geruchstagebuch „Eigensinn“. Winogradsky-Säulen mit Wasser, Sediment und Schlamm stellte Jana Piotrowski  in einem der Ausstellungssäle auf, Mari Lena Rapprich baute eine „Sound Kitchen“ und Esther Adam befestigte ungewaschene Schafwolle auf Stramin: „Variations on a thought“ ist das Werk betitelt. Nicht zu vergessen Laura Pientka, die nochmal ihr „Ultimate Beneficial Pipeline Construction System 2.0“ durch den Raum mäandern lässt. Anneli Käsmayr, von Ganski & Wilmes bieten zudem Duft zum Hören und Klang zum Riechen mit ihrem Werk „Modula“, Doris Weinberger und Katrin Bretschneider sind mit ihrer Performance-Lecture „Antz!“ dabei.

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Esther Adam fertigt ihre "Variations on a thought", Wandbehang, ungewaschene Schafwolle uaf Stramin
Foto: Bernadette Haffke

Die geruchsbezogenen künstlerischen Projekte beinhalten nicht nur riechende Kunstwerke, sondern auch Arbeiten, die zu bestimmten Zeiten so benutzt werden, dass eine direkte Geruchsebene entsteht, durch Kochen, Rösten oder eine aromatherapeutische Beratung. Außerdem finden sich Werke in der Ausstellung, die Geruch gedanklich evozieren oder über das Riechen als besondere sinnliche Betätigung reflektieren. Lösen Gerüche dank der engen Verbindung zum limbischen System doch leicht und schnell starke emotionale Assoziationen aus, sie sprechen wie kaum ein anderer Reiz die Gefühls- und Erinnerungsebene an und erschließen so neue Erfahrungsintensitäten für die Künste. Was auch eine Art der Verschmelzung ist. Beim Riechen verleibt sich ein Rezipient die volatilen Duftmoleküle buchstäblich ein.

In der Evolution der Lebewesen gibt es vier mögliche Reaktionen auf Gerüche: fliehen, angreifen, fressen oder paaren. Damit experimentierte bereits Joseph Beuys, indem einigen seiner Werken der Geruch von Filz, Honig oder Wachs eine ganz eigene Qualität verlieh. Im Alltag sind artifizielle Duftnoten vor allem die Sache eines handwerklichen Metiers, das traditionell nur von ausgebildeten Parfümeuren ausgeübt wird. Unter der Herrschaft einiger weniger Marken wurde so die sinnliche Erfahrung des Riechens nicht zur elitären Kunst, sondern vor allem industrialisiert und in der Massenkultur ökonomisch verwertet. Dank "Smell it!" ist nun in Bremens Galerien und Museen ein stilles Genießen der flüchtigen und undisziplinierten Duftstoffe möglich. Im Kontext einer Entgrenzung der Kunst werden geruchssinnliche Aspekte als Olfactory Art gefeiert.

Hier alle weiteren Infos zur Ausstellung in der Städtischen Galerie.

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Doris Weinberger / Katrin Bretschneider: Antz!, 2021, Performance-Lecture
Foto: Franziska von den Driesch

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Käsmayr, von Ganski & Wilmes: Modula, Duft hören und Klang riechen, 2021, Edition, ätherische Öle und verschiedene Materialien
Foto: Franziska von den Driesch

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Zhé Wang: Smell Your Minds, 2021, Mixed-Media/Audio-Installation
Foto: Franziska von den Driesch

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Laura Pientka: Ultimate Beneficial Pipeline Construction System 2.0, 2020, Keramikinstallation mit Geruch, Melasse, Sound und Performance
Foto: Franziska von den Driesch

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Stephan Thierbach: Der Schweiß der Erde, 2019/2021, Installation, Aktion, Exkursion
Foto: Franziska von den Driesch

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Jana Piotrowski: Mud Cultures, 2021, Winogradsky-Säulen (Wasser, Sediment und Schlamm)
Foto: Franziska von den Driesch

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Anne Schlöpke: Eigensinn, 2021, (Geruchstagebuch), Installation
Foto: Franziska von den Driesch