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Verleihung des 32. Kunstförderpreises der Stiftung „Silberner Schlüssel“

Von den Kräften, die sich der psychischen Kontrolle und Zensur entziehen

Die Stiftung „Silberner Schlüssel“ verlieh ihren 32. Kunstförderpreis an die südkoreanische Malerin Yeosulme Kang (Foto), Absolventin der Hochschule für Künste (HfK) Bremen. Dazu erschienen rund 60 Besucher im Bremer Logenhaus, eine mit neobarocken und klassizistischen Elementen 1922 fertiggestellte Villa des freimaurerisch aktiven Bremer Kaufmanns Gustav Adolf Dowald. Erweitert wurde das Gebäude um einen sachlichen 1970er-Jahre-Tempel, prunkend mit dem innenarchitektonischen Schick der Zeit.

Die Stiftung gehört zur Johannis-Freimaurerloge „Zum silbernen Schlüssel“ Bremen. Das reine Männerbündnis ist eine von zwölf im Land Bremen arbeitenden Freimaurerlogen. 1913 wurde sie als ist eine Tochter der „Großen National-Mutterloge zu den drei Weltkugeln“ gegründet, die 1740 auf Geheiß des Königs von Preußen, Friedrich II., ins Leben gerufen wurde.

Zu den riesigen Ölgemälden der Meister vom Stuhl im Logenhaus gesellen sich für wenige Tage auch Gemälde der Preisträgerin. Freimaurer erklären im offenen Podiumsgespräch ihre anfängliche Irritation. Zeigt Kang doch in Rosa- und Pink-Tönen zumeist geschlechtlos ins Leere starrende Wesen. Das sei gerade im Logenhaus reizvoll, befindet Heike Kati Barath, Yeosulme Kangs HfK-Professorin für Figurative Malerei. Die Bilder könnten anregen, darüber nachzudenken, was von den Freimaurern in Öl bliebe, wenn man sie des Ornats ihrer Männlichkeit und der patriarchalen Macht entkleidete. Freimaurer Kai Stührenberg erklärt, gerade das anfängliche Unbehagen gegenüber den Gemälden zeige, dass sie etwas ansprechen, das man lieber nicht thematisieren möchte. Und es sei ja die Herausforderung der Kunst an die Betrachter, diese Ablehnung zu überwinden – sich in diesem Fall dann eben mit der eigenen Geschlechtlichkeit auseinanderzusetzen. Schließlich stünden Freimaurer für schonungslose Selbsterkundung.

Martin Schulz, HfK-Professor für Kunstwissenschaft, Theorie und Geschichte ästhetischer Praxis, bringt die Begriffe Surrealismus und Traumdeutung in die Diskussion ein. Im „Manifeste du Surréalisme“ (1924) heißt es ja: „Ich glaube an die künftige Auflösung dieser scheinbar so gegensätzlichen Zustände von Traum und Wirklichkeit in einer Art absoluter Realität, wenn man so sagen kann: Surrealität“. Und Yeosulme Kang deutet an, dass auch sie mit der Idee spielt, die Domäne des Unbewussten für sich reklamierten, sich der freien Assoziation hinzugeben im Glauben, dass aus dem Irrationalen, dem Traum, also all jenen Kräften, die sich der psychischen Kontrolle und Zensur entziehen, eine neue Erkenntnis, eine neue Wahrheit und eben Kunst entstehen kann.

Wobei Yangs Position wohl eher zwischen den Positionen der Surrealisten und ihrem Inspirator Siegmund Freud zu verorten ist. Sahen Künstler des Surrealismus den Psychoanalytiker als Verbündeten im Kampf gegen die Kontrolle durch die Vernunft, kämpfte Freud für diese Kontrolle – für die Herrschaft des Realitätsprinzips, des Ichs.

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Yeosulme Kang in ihrer Ausstellung.

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Szenen der Vernissage.

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Es musizieren: Ella Marshall Smith (Sopran), Alma-Elisabeth Stoye (Viola da Gamba) und Samyar Fazelzadeh (Laute und Theorbe).

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Moderatorin Manuela Weichenrieder

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Preisübergabe durch Paul Thomas Kossmann von der Stiftung.

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Prof. Katie Barath erklärt die Kunst von Yeosulme Kang.

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Prof. Martin Schulz im Gespräch mit der Künstlerin und dem Publikum.

Fotos: Lukas Klose