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Donnerstag | 7. Mai 2026

Ausdrucksmöglichkeiten der Kunst entdecken

37 Schüler:innen beim Zukunftstag 2026 an der HfK Bremen
Zukunftstag in der Keramikwerkstatt.
Zukunftstag in der Keramikwerkstatt. © Kim Mayer

Schulstunden wollen manchmal nicht vergehen. Denn je mehr neue Informationen wir aufnehmen, desto langsamer scheint sich die Zeit voranzuschleppen. Angesichts der geistigen und körperlichen Entwicklung dank durchstartender Pubertät aber wirkt die Zeit auch rasant beschleunigt, so die widersprüchlichen Gefühle vieler Schüler:innen. Der Kipppunkt zum Erwachsenwerden nähert sich, puh, eine schwierige Situation. Loslassen von angelernten Ideen? Festhalten an übernommen Sichtweisen? Geht beides? Wer bin, was will ich? Und warum? Womit sinnstiftend festen Boden unter den Füßen gewinnen? Zu diesen erwachenden Überforderungen einige praktische Anregungen zu vermitteln, wohin die eigenen Interessen streben könnten, das versucht der jährliche Zukunftstag, an dem sich die Hochschule für Künste (HfK) Bremen regelmäßig beteiligt. Schüler:innen können im Fachbereich Kunst und Design erkunden, wie sich Kreativität in künstlerisch-gestalterischer Arbeit ausleben lässt.

37 Schüler:innen – im Alter von 9 bis 15 Jahren aus der 5. bis 10. Jahrgangsstufe – meldeten sich bei der HfK Bremen an und erschienen am 23. April 2026 zum fröhlichen Check-in im Speicher XI der Überseestadt. Motivation für die meisten ist, einen Blick in die Zukunft zu erhaschen, wohin sich ihre neugierige Begeisterung für den schulischen Kunstunterricht entwickeln könnte. Fix sind die Vornamen auf grellorange Klebepunkte notiert und an Pullover fixiert. Jede Teilnehmer:in war vorab einer Arbeitsgruppe zusortiert worden. Als Teamleiter stellen sich unter anderem vor: Markus Walthert, Werkstattleiter Interaction Lab, sowie Felix Pankraz Fisgus, Werkstattleiter Elektronische Experimente. Sie laden Schüler:innen ins „Open Lab“, vermittelt werden Einblicke in die Verbindung von Technik, Gestaltung und Programmcode. Jukka Böhm, Werkstattleiter Audiolabor, und Studentin Nastasja Steinhauer öffnen musikbegeisterten Jugendlichen die Türen des Audiolabors zur räumlichen Klanggestaltung.

Anja Engelke, Leitung Fotowerkstatt, erkundet mit ihren Kursteilnehmer:innen eines der ältesten fotografischen Verfahren: die Cyanotypie. Gemeinsam gesammelte Pflanzen legen die Schüler:innen auf eine lichtempfindlich beschichtete Oberfläche, die unter UV-Einwirkung den wasserunlöslichen Farbstoff Preußisch Blau bildet und so die botanischen Objekte konturiert abbildet. Diese Kontaktabzüge betonen in der zeitlosen Eleganz nuancierten Blaus die filigranen Formen der Gewächse. Was den ästhetischen Sinn aktiviert und einen ersten Eindruck vermittelt vom Ringen um die Aneignung der Natur als Kunst. Vielleicht ist nach dem Erlebnis eines Grundprinzips der Lichtbildkunst, der Belichtung, auch die Lust auf Fotografie geweckt.

Wir begleiten Ute Alexandra Fischer, Leiterin Keramik-Werkstatt, in ihren Arbeitsbereich. Dort ist die Stimmung ausgelassen. Alle dürfen Wut & Co. rauslassen und mit dem Hammer verschiedenfarbige Keramik zerschlagen: Fliesen, Teller und Tassen. Die Splitter collagiert jede:r nach eigenem Schönheitsempfinden per Heißklebepistole zu einem Mosaik auf einen Blumentopf oder Bilderrahmen. Verputzt wird mit mint pigmentierter Fugenmasse aus dem Spritzbeutel. Sam (Oberschule Schwachhausen) hat eine kunterbunte Orgie aus Bruchstücken unterschiedlicher Formen, Oberflächenstrukturen und Farben realisiert, ein Junge vom Hermann-Böse-Gymnasium nur Fragmente einer Farbe ganz eng aneinandergesetzt, was für ihn auch ein inhaltlicher Ansatz ist: „Alle sind gleich und kommen zusammen.“

Mit Daniel Neubacher und Michael Weis laden zwei erfrischend gegensätzliche Typen ins magische Reich der bewegten Bilder: der mit sprudelndem Wissen und strahlender Leidenschaft seine Filmbegeisterung verdeutlichende Leiter der Videowerkstatt und ein in aller Ruhe die Praxis seiner Trickfilmarbeit vermittelnder Meisterschüler von Malerei-Professorin Heike Kati Barath. Gerade arbeite er an seiner Abschlussarbeit, der Liebesgeschichte zwischen einer Seife und einem Wattestäbchen, realisiert in Stop-Motion-Technik. Einen dreiminütigen Animationsfilm, seine Diplomarbeit, kann er schon vorführen: „Da steckt ein halbes Jahr Arbeit drin“, sagt Weis. 

Die Schüler:innen lernen erstmal das Hightech-Studio für Filmschnitt, -effekte und -betitelung kennen, auch das Tonstudio für die Sound- und Sprachaufnahmen. Nun sollen kurze Clips entstehen. Dafür ist im Trickfilmstudio unter der Kamera eine Glasscheibe als Bühne freigeräumt für zweidimensional erzählte Geschichten mit gemalten, getuschten und ausgeschnittenen Figuren. Neubacher erklärt, dass die Wahrnehmung einer flüssigen Bewegung im Film darauf beruht, dass sie in 24 Bildern pro Sekunde aufgelöst ist. Für manuelle Stop-Motion werden häufig zwölf Bilder pro Sekunde gefilmt, was leicht abgehackte Bewegungen zur Folge hat. Man will also gar nicht erst die Illusion von Realität herstellen, sondern im Sinne des Brecht’schen Verfremdungseffektes die Künstlichkeit der Inszenierung betonen. Faszinierend für alle, dass Trickfilmfiguren genauso funktionieren wie Puppen in Heinrich von Kleists essayistischer Erzählung „Über das Marionettentheater“: Sie sind sich ihres Tuns nicht bewusst – und gerade das sei Voraussetzung ihrer Schönheit und Anmut. 

Hera (Kippenberg-Gymnasium Bremen) hat schon Erfahrung mit der Produktion von Videos, deren einzelne Bilder sie direkt aufs Tablet zeichnet. Für den Zukunftstag lässt sie nun einen düsteren Vogel die Geheimnisse seines Federkleides offenbaren. Nieke (Gymnasium Syke) kennt Filmemachen bereits aus dem Kunstunterricht und animiert jetzt  den kühnen Salto eines Skateboards. Sofia (Gymnasium Horn) setzt einen kunterbunten Mädchenkopf in Bewegung, Amelie (Oberschule Borhshöhe) einen schüchternen Geist mit plötzlich erröteten Wangen. Eslina (Gesamtschule Bremen Ost) ist eine tolle Zeichnerin – und erweckt für ihren Film mit Stift, Papier und Kamera eine energisch der Erde entwachsende Blume zum Leben. Die Lust aufs Filmemachen ist geweckt.

Nicola Essig und Brigitte Stadler, Leiterinnen Modewerkstatt, sowie die Studierende Han Ngoc Hoang nähen mit einem „Girl“ und sieben „Boys“ kleine Umhängetaschen. Wie Henning (Gymnasium Osterholz-Scharmbeck) sind die meisten hier dabei, weil sie „Nähen mal kennenlernen wollen“. Vincent (Oberschule am Leibnizplatz) hat zu Hause keine Nähmaschine und auch keine Erfahrung in Stoffbearbeitung sammeln können, aber ein klares Ziel: Seiner Mutter will er das Arbeitsergebnis des Zukunftstages zum Geburtstag schenken. Er sucht sich dafür Naturleinen aus, weil es so einen reizvollen Vintage-Look habe. 

Vincent legt das Schnittmuster auf den Stoff, zeichnet mit Kreide die Umrisse nach, schneidet aus und bügelt das Material. Fix hat er auch Theorie und Praxis für den Nähführerschein bestanden und hantiert voll konzentriert mit den Profimaschinen. Lässt die Nadel vorwärts und rückwärts laufen, bis Träger, Klappe und Taschenkörper fest verbunden sind. Schnell noch die Stoffkanten mit der Versäuberungsmaschine vor zukünftigem Ausfransen schützen – fertig ist ein Unikat zum Verschenken. Selbst gemacht, dabei viel gelernt und angesichts der parallel von Studierenden kreierten Mode tatsächlich neugierig geworden, was mit Nadel, Faden und Gewebe sonst noch so alles möglich ist.