An den HfK-Alumnus Armando Duçellari geht der 49. Bremer Förderpreis für Bildende Kunst. Er zählt zu den ältesten und bestdotierten Nachwuchsförderpreisen Deutschlands und wird seit 1977 vergeben. Armando Duçellari erhält die mit 6.000 Euro dotierte und vom Senator für Kultur verliehene Auszeichnung für sein Werk „Overlapping Remnants“. Hinzu kommen eine Einzelkatalogförderung in Höhe von 3.000 Euro sowie eine spätere Einzelausstellung in der Städtischen Galerie Bremen. Dort sind die Arbeiten aller Bewerber:innen bis 26. April 2026 zu sehen.
Für diese Ausstellung haben regionale Kunstsachverständige als Vorschlagskommission aus 37 Einreichungen mehrere aussichtsreiche künstlerische Positionen ausgewählt. In diesem Jahr sind dies neben Duçellari zehn Künstler:innen: die ehemaligen HfK-Meisterschüler:innen Franca Brockmann, Isidora Bruna, Marei Dierßen, Eghbal Joudi, Harumi Miyato, Candan Öztürk, Martin Reichmann und Leon Sahiti sowie die HfK-Alumni/-ae Mona Charaf Eddine und Mohar Kalra. Aus der Ausstellung ihrer Werke heraus bestimmte eine überregionale Hauptjury den Preisträger. Der Jury gehörten in diesem Jahr der Künstler Jens Brand (Professor für Klang in der Bildenden Kunst an der Hochschule für bildende Kunst Braunschweig), Stefan Gronert (Sprengel Museum Hannover), Anna Nowak (Kunsthaus Hamburg), Katharina Rüppell (Kunstmuseum Moritzburg Halle) und Junia Thiede (Kunstverein Braunschweig) an.
Hintergründe zu Duçellaris „Overlapping Remnants“ aus dem Jahr 2025 vermittelt dieser Zeitungsartikel. Warum diese Arbeit des 1990 geborene albanische Künstlers die Jury in besonderer Weise überzeugte, erklärt sie so: „In der Installation verbindet Armando Duçellari ein mit Handkamera gefilmtes Video mit vier gegenüber gehängten Grundrisszeichnungen. Das Video dokumentiert die gemeinsame Begehung der ehemaligen Villa des albanischen Diktators Enver Hoxha in Tirana durch den Künstler und seine Tante mittels ihrer Erinnerung. Während diese mehrere Jahre für Hoxha tätig war, bewohnte Armando Duçellari das 3.400 Quadratmeter große Gebäude selbst im Rahmen eines Künstlerstipendiums, nachdem es 2024 auf Initiative der der französischen Stiftung Art Explora behutsam zu Künstlerresidenzen eingerichtet worden war. Ausgehend von dieser vielschichtigen Konstellation befragt die Arbeit die Konstitution von Erinnerung aus unterschiedlichen zeitlichen und politischen Perspektiven. Im formal überzeugenden Zusammenspiel von Bild, Sprache und zeichnerischer Überarbeitung der Grundrisse werden historische 'Realitäten' als instabile Konstruktionen erfahrbar. Erinnerung erscheint dabei nicht als feststehendes Narrativ, sondern als Prozess subjektiver Überschreibung.
Die inhaltlich klar politisch ausgerichtete Arbeit beeindruckt gerade durch ihre Differenziertheit: Sie verfällt nicht in plakative Geschichtsdeutung, sondern macht Geschichte als fortwährenden Prozess individueller Aneignung und Reflexion sichtbar."
„Politisch ausdrucksstärker wirken allerdings andere Arbeiten“, schreibt die Kreiszeitung, „etwa die von Franca Brockmann, die den großen Galerieraum mit einem hohen Zaun geteilt hat und in einem Gedicht auf subtile Art und Weise einen Lebensstil kritisiert. Einen Lebensstil, der beim politisierenden Kaffeetrinken über die Auflösung von Grenzen im Sonnenschein verharrt, anstatt konkret dafür tätig zu werden. Die Buchstaben hat Brockmann aus dem Draht gelöster Zäune gebogen. Stark in Ästhetik und Aussage sind auch die Werke von Candan Öztürk, der auf Baumwolle malt, diese dann zerfetzt und auf einem zweiten Stück Stoff erneut zusammensetzt. Durch die Motive – Häuser, auf die rassistische Brandanschläge verübt wurden, das erste Opfer des NSU, ein Abschiebeflieger – gewinnt der beschreibende Begriff Erinnerungsfetzen seine Doppeldeutigkeit.“
Auffällig ist in diesem Jahr der hohe Anteil malerischer Ansätze – neben Öztürk präsentieren sich in diesem Genre auf ganz unterschiedlicher Weise: Isidora Bruna, Marei Dierßen, Eghbal Joudi und Harumi Miyato. Isidora Bruna kombiniert Politisches mit der Frage nach unserer Vergänglichkeit. Eghbal Joudi übersetzt seine Leinwände in eine räumliche Installation: Kohlezeichnungen von Details eines Fotos des persischen Schahs von 1951, dessen Sohn ja gerade politische Machtansprüche für den Iran erhebt, sind plastisch im Raum erfahrbar. „Harumi Miyatos äußerst ansprechende Stillleben entstehen aus Vorlagen von Einrichtungskatalogen, die sie mit einem speziellen Verfahren löst und kopiert. Dabei nutzt sie Verschiebungen und Übermalungen, um die dargestellte, vermeintliche Perfektion des mit der Einrichtung eingekauften Lebensentwurfs infrage zu stellen“, so die Kreiszeitung. Und weiter: „Bei Marei Dierßen sind es die Perspektive und die kunsthistorischen Bezüge, die die von ihr gemalten Innenräume prägen. Die bewusst von Menschen frei gehaltenen Räume erzählen dennoch vieles über ihre Bewohnerinnen und Bewohner, indem sie durch Gegenstände und Bilder von deren Persönlichkeit künden. Was von der Welt wir uns in unsere kleine Welt, unser Zuhause, hineinholen, ist das, was Dierßen interessiert. Mithilfe der Perspektive lässt die Künstlerin die Betrachtenden dabei von unten her tief in die Räume eintauchen.“
Martin Reichmann zeigt zudem einen schweren, mit Handabrücken versehenen Betonblock, der scheinbar leicht im Raum zu schweben scheint. Mohar Kalra überträgt seine Begegnungen mit Krähen am Werdersee aus dem öffentlichen Raum in eine eigenständige Kunstinstallation. In diese Arbeit bezieht er zeitgenössische Phänomene einer medialisierten Gesellschaft ein. Auch Leon Sahiti analysiert in einer Videoarbeit und einer Skulptur den letztlich politischen Impetus von Digitalität.
Biografie Armando Duçellari
Armando Duçellari studierte 2008–2015 Multimedial Arts an der Università Iuav di Venezia (Italien), 2016–2019 Freie Kunst an der HfK Bremen, nahm 2017 am UNIDEE Residency-Programm „Cittadellarte“ in Biella (Italien) und am „Art House Shkodër“ (Albanien) teil. Er arbeitete 2018 als DAAD-ISAP-Stipendiat an der University of Guelph (Kanada) und war 2020–2022 HfK-Meisterschüler bei Prof. Heike Kati Barath. Es folgten 2022 das Stipendium „Cité Internationale des Arts“ in Paris (Frankreich), 2024 ein Stipendium der Stiftung Kunstfonds und eben 2025 die Tirana Art Residency (Albanien).
