Auszeichnung
Freitag | 26. Juni 2026

eghbal joudi gewinnt Karin Hollweg Preis 2026

Einer der höchstdotierten Förderpreise der Freien Kunst in Deutschland zum 20. Mal verliehen
Karin Hollweg Preis-Gewinner eghbal joudi © HfK Bremen/Kim Mayer

Für seine serielle Arbeit „Zero-Orbit-Degree“ wurde eghbal joudi mit dem Karin Hollweg Preis 2026 ausgezeichnet. Mit einem Preisgeld von 18.000 Euro zählt der Karin Hollweg Preis zu den höchstdotierten Nachwuchspreisen der Freien Kunst in Deutschland. Die Hälfte des Preisgeldes ist regulär mit einer Einzelausstellung verbunden. Die Einzelausstellung von eghbal joudis wird im Künstler:innenhaus Bremen stattfinden.

In diesem Jahr gab es im Rahmen des renommierten Preises gleich drei Besonderheiten: Der hochdotierte Förderpreis feierte bereits sein 20. Jubiläum. Erstmals wurde die Jury – bestehend aus Expert:innen aus Museen und Ausstellungshäusern – um einen überregionalen Fachjuror ergänzt. Zudem verzeichnet die HfK Bremen mit insgesamt 28 Absolvent:innen für das Jahr 2026 pandemiebedingt den bislang größten Abschlussjahrgang an Meisterschüler:innen in der Freien Kunst.

Zwanzig von ihnen sind noch bis einschließlich 2. August in der Gruppenausstellung „Once You’re There It’s Easy To Find“ im Haus Coburg | Städtische Galerie Delmenhorst vertreten. 

eghbal joudi (*1990 in Teheran, Iran) studierte zunächst Bildhauerei an der Teheraner Universität für Kunst, bevor er 2020 sein Studium der Freien Kunst an der Hochschule für Künste Bremen bei Prof. Heike Kati Barath (Malerei) und Prof. Natascha Sadr Haghighian (Bildhauerei) aufnahm. Sein Meisterschüler:innenstudium absolvierte er bei Prof. Haghighian. Für das Jahr 2026 erhielt eghbal joudi kürzlich ein Jahresstipendium der Janusz-Korczak-Stiftung Bremen. 

In seiner seriellen Arbeit „Zero-Orbit-Degree“ setzt sich joudi mit der Frage auseinander, wie Bilder historischer Ereignisse und kollektiver Erinnerungen entstehen. In der Ausstellung „Once You’re There It’s Easy To Find“ im Haus Coburg verarbeitet er die Geschichte der iranischen Gesellschaft und bezieht sich auf eines der bedeutendsten Gedichte der modernen persischen Literatur. Das Gedicht Zemestān (زمستان, „Winter“) des iranischen Lyrikers Mehdi Akhavan-Sales entstand wenige Jahre nach dem Sturz des Premierministers Mohammad Mosaddegh im Jahr 1953. Es wird als verschlüsselte politische Allegorie auf die von Angst, Isolation und Hoffnungslosigkeit geprägte Zeit nach dem Scheitern der Demokratisierungsbestrebungen im Iran gelesen.

Der bildhauerische Hintergrund des Künstlers wird in der Installation seines malerischen Werks besonders deutlich: joudi inszeniert seine Arbeiten räumlich. Für die Installation seiner Malerei wählt er auf den Ausstellungsraum abgestimmte Materialien und bezieht die Besucher:innen mit ein, indem er im Haus Coburg seine Malereien ähnlich der Präsentation eines Textilobjekts von oben in den Raum kippen lässt oder freistehend auf Metallgestelle montiert. Statt einer klassischen Hängung löst er die Arbeiten von der Wand, positioniert sie schräg in den Raum und verleiht seinen Malereien eine plastische bis skulpturale Anmutung.

"Seine räumlich installierte Malerei widmet sich dem politischen Bild. In zahlreichen Versionen bearbeitet er ein historisches Ereignis aus dem Jahr 1953, bei dem die Demokratisierung Irans verhindert wurde. Ohne explizit auf die Situation in seinem Herkunftsland einzugehen, inszeniert eghbal joudi durch seine Malerei Begegnungen mit iranischer Lyrik, Geschichte und Widerstandsbewegungen. 

Seine Gesten der wiederholenden Darstellung, Übermalung, Auslassung oder Neufassung historischer Dokumente inszenieren das Historienbild als unglaubwürdige Fassade und lädt zur eigenen Spurensuche ein. Ein Zitat aus einem Gedicht des iranischen Dichters Mehdi Akhavan, das eghbal joudi auf das Fenster der Städtischen Galerie in Delmenhorst überträgt, liefern einen schwach sichtbaren Hinweis für die Sprachlosigkeit und Kälte in autoritären Systemen. Als Ausdruck der Unterdrückung sprach Mehdi Akhavan 1955 von einem Winter – mitten im Sommer. 

Es ist eine besondere Stärke des Künstlers, Parallelen zur aktuellen Situation nicht heraufzubeschwören. Stattdessen verwebt er malerische Gesten, die sich im Raum verschieben, von den Wänden kippen oder als empfindliche Papierbahnen von jedem Windhauch berührt werden. Verschiedene bildgebende und inszenierende Praktiken überlagern sich im Ausstellungsraum von eghbal joudi und lösen Assoziationen aus, ohne verifizierbare Inhalte anzubieten. Wir meinen, etwas zu erkennen, wir dürfen mit Recht vermuten, dass der Künstler von Pressefotografien, von alltäglichen Nachrichten ausgeht, doch am Ende sind wir auf uns selbst geworfen. Mit dieser sinnlichen Einbindung des Publikums schafft er es, aus einer intensiven Beschäftigung mit den Folgen der iranischen Politik und ihren ikonischen Fotografien, eine kollektive Erfahrung zu aktivieren. All die Geschichten und Bilder, die neben den historisch fixierten Narrativen existieren, erscheinen und verschwinden zugleich. Damit erreicht eghbal joudi eine beeindruckend gegenwärtige Aktualisierung malerischer Prinzipien und Möglichkeiten und zeigt nachdrücklich, wie notwendig Kunst im tagespolitischen Alltag und der Fluktuation von Bildern ist, die jeweils für sich Wahrhaftigkeit reklamieren oder simulieren." 

  • Anne Thurmann-Jajes (Leitung Zentrum für Künstlerpublikationen, Weserburg Museum für moderne Kunst)
  • Dr. Matilda Felix (Leiterin Städtische Galerie Delmenhorst)
  • Dr. Arie Hartog (Direktor Gerhard Marcks Haus)
  • Toby Kamps (Leitung & Ausstellungskurator Moderne, Kunsthalle Hamburg)
  • Maxie Kiwitter (Assistenzkuratorin, GAK Gesellschaft für Aktuelle Kunst)
  • Dr. Andreas Kreul (Karin und Uwe Hollweg Stiftung)
  • Dr. Ingmar Lähnemann (Leiter Städtische Galerie Bremen)
  • Marie Oucherif (Artistic Director Künstler:innenhaus Bremen)
  • Dr. Annett Reckert (Kustodin Kupferstichkabinett, Kunsthalle Bremen)
  • Dr. Frank Schmidt (Direktor Museen Böttcherstraße)