Neuigkeit
Dienstag | 27. Juni 2023

Fundstück des Monats Juni 2023

Strickmaschine

Stricken war im Handarbeitsunterricht das, was Laubsägerei in den Werkstunden war: erste geschlechtertrennende Begegnung mit dem Handwerk.

Für einige Männer und viele Frauen wurde später der kontemplativen Zauber der Wiederholung beim Stricken rechter oder glatter, linker, verkehrter oder krauser Maschen allerdings eine coole Masche, eine freizeitgestaltende Mode, andere hatten und haben einfach nur Naserümpfen fürs verstaubt antifeministisch beurteilte Strickhobby übrig.

Heute ist die Tätigkeit genderfluid modern, so dass auch die Hochschultage 2023 ihre Plakate nicht einfach nur drucken, sondern auch stricken wollten. Was an der HfK Bremen ja kein Problem darstellt. Seit einem Jahr steht in der Mode-CAD-Werkstatt im Speicher XI ein Exemplar der computergesteuerten und sonst in der Textilindustrie genutzten Strickmaschine SVR 123SP des japanischen Unternehmens Shima Seiki. Dafür wurden inklusive dreier Computerarbeitsplätze 150.000 Euro investiert.

Mit Hand würde das Stricken des ein mal zwei Meter großen Plakats zwei Tage dauern, die Maschine legt mit Vollgas los und ist in 50 Minuten fertig. Über 1.000 Nadeln sind dabei im Akkord beschäftigt. Ebenfalls entstanden sind bereits Schals, Schlüsselbänder, Decken, Sneaker, Kleider, Kunstobjekte, Taschen und Hosen. Betreut wird das Projekt von Schneidermeisterin Brigitte Stadler.

Das Tolle an der Maschine ist, sie kann nicht nur Gewebe-, Form- und Jacquard-Strick, sondern auch Zeichnungen, Grafiken und Fotos stricken. Die werden als PDF angeliefert, in den Computer eingelesen und auf die mit einem Zeichenprogramm erstellten Schnittbögen kopiert. Ein weiteres Programm berechnet, wie die nuanciert bunten Vorlagen mit den Farben der gewählten Garne produziert werden können. Das Ergebnis kann per Hand mit einem Grafikprogramm nachbearbeitet und dabei jede Fläche in ihrer Farbanmutung neu definiert werden. Die fertige Strickdatei geht schließlich an die Maschine.

Jede Farbe werde bei jeder Masche sichtbar oder unsichtbar mitgestrickt, also bei fünf Farben sei der fertige Stoff anschließend fünflagig. „Mehr geht eigentlich nicht, sonst wird es ein Brett – auch wenn wir theoretisch 14 Farben nutzen können“, sagt Brigitte Stadler. Sie hat gerade in dreieinhalb Stunden Vorder- und Rückseite eines Pollunders gestrickt und dabei Garne in fünf Farben eingesetzt, das fertige Kleidungsstück wiegt bereits 400 Gramm.

Wem verdanken wir die Kulturtechnik des Strickens? Da ist sich die Wissenschaft nicht einig. In einer römischen Siedlung aus der Zeit 300 v. Chr. (auf heute syrischem Gebiet) wurden Maschenarbeiten ausgegraben, die aber wohl genauso wie die von Kopten in Ägypten gefertigten Socken aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. (zu sehen im Londoner Victoria & Albert Museum) nicht mit zwei Knochen- oder Holzstricknadeln, sondern mit einer Nadel und kurzen Fäden gebunden worden waren.

Erst mit dem zivilisatorischen Aufschwung, den die Araber im achten Jahrhundert inklusive der Strickkunst nach Spanien brachten, fand auch die Technik rasche Verbreitung in Europa und wurde im Mittelalter zu einer in Zünften beruflich ausgeübten Disziplin. Die Bedeutung lässt sich daran ermessen, dass ab Mitte des 14. Jahrhunderts die biblische Maria als strickende Mutter Gottes dargestellt wurde. Dem ideellen folgte der ökonomische Aufstieg der Nadelarbeiten. Im Jahr 1863 erfand der Amerikaner Isaac William Lamb die handgetriebene Flachstrickmaschine, 1880 nahmen die ersten Motorstrickmaschinen ihre Arbeit in den industriellen Fertigungshallen auf. Dessen aktuelle Hightech-Variante dürfen alle HfK-Studierenden und -Lehrenden mit ihren Kursen nutzen.

Kontakt:
Brigitte Stadler, E-Mail: b.stadler@hfk-bremen.de