Auszeichnung
Dienstag | 22. April 2025

Herausforderungen des Anthropozäns

Einige Fragen an die Benjamin-Stipendiatin Dr.-Ing. Flavia Alice Mameli
Dr.-Ing. Flavia Alice Mameli. © pv

Dr.-Ing. Flavia Alice Mameli ist Postdoctoral Research Fellow an der HfK Bremen und hat eines der begehrten Walter-Benjamin-Stipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erhalten. 

Liebe Flavia, gib uns doch bitte einen Überblick über Deinen Werdegang.

Vor meiner akademischen Laufbahn habe ich mehrere Jahre als selbständige Produktdesignerin sowie unter anderem als Beraterin in der Berliner Start-up-Szene gearbeitet, ursprünglich hatte ich dort an der Universität der Künste Industrie-Design studiert. 

In Berlin habe ich einige digitale Unternehmen in der Gründungsphase mit begleitet und war für andere als Kreativmanagerin tätig. Neben der inhaltlichen Arbeit zu Themen wie Nachbarschaft, mentale Gesundheit und E-Learning habe ich dabei ganz viel über Unternehmertum, Organisation, die digitale und physische Einrichtung neuer Arbeitsumgebungen und Teamkonstellationen gelernt, was mir bis heute unglaublich nützlich ist. 

Danach beziehungsweise darüber hinaus habe ich drei Jahre Erfahrung in der Organisation und Projektakquise für ein Berliner Landschaftsarchitekturbüro sammeln können. Im Rahmen dieser Tätigkeit kam ich mit freiraumplanerischen und städtebaulichen Themen des partizipativen Gestaltens in Berührung, was mich damals zu meinem Dissertationsthema inspirierte. 

Anhand einer diskursanalytisch und ethnographisch aufgearbeiteten Fallstudie zum Berliner Park am Gleisdreieck habe ich die alltäglichen Praktiken der Aneignung und Gestaltung städtischer Freiräume analysiert und mich mit den Paradoxien beschäftigt, auf die Gestalter:innen dabei stoßen. 

2018 wurde ich dann als Doktorandin und Vollzeitstipendiatin an der Universität Kassel im Fachgebiet Freiraumplanung angenommen und im Juli 2022 – nach zwei Jahren Pandemie und inzwischen drei geborenen Kindern – konnte ich meine Promotion abschließen. 

2022 war ein besonders spannendes Jahr, weil ich mit meiner Familie relativ spontan nach Indonesien gegangen bin, um dort zu leben und zu arbeiten. Mitte dieses Jahres (2025) werden nach Europa zurückkehren.  

Warum hast du die HfK Bremen für deine Forschung ausgewählt, was zeichnet die Arbeit an der HfK für Dich aus?

Die HfK habe ich als Ort kennengelernt, der offen ist für experimentelle Lehr- und Forschungskonzepte, die für mich besonders interessant sind und über Annette Geiger (seit 2009 Professorin für Theorie und Geschichte des Designs an der HfK Bremen) bestand bereits ein persönlicher Kontakt. Sie hat unter anderem meine Dissertation mitbetreut und ich hatte in der Vergangenheit bereits zwei Lehraufträge im Studiengang Integriertes Design angenommen. 

Die Idee „nachhaltiges" Design in Indonesien beziehungsweise Südostasien zu meinem Postdoc-Thema zu machen, kam ziemlich schnell, weil ich dort früh in Kontakt gekommen bin mit einem recht weitläufigen Netzwerk von Start-ups, Designern und AkademikerInnen, die in diesem Kontext arbeiten. 

Dort passiert viel, jedoch wissen wir im Globalen Norden (noch) recht wenig davon, das sollte sich ändern! 

Kannst du uns bitte ein paar Details zu deinem Forschungsvorhaben geben, einschließlich der Einbettung in den aktuellen Forschungsstand, mögliche praktische Anwendungen und zukünftige Perspektiven?

Mein Forschungsprojekt, das ich im Rahmen des Walter-Benjamin-Stipendiums durchführen werde, zielt darauf ab, Resilienz- beziehungsweise Nachhaltigkeits-Diskurse, zum Beispiel im Kontext der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen, innerhalb der universitären Design- und Architekturausbildung systematisch zu untersuchen. 

Dabei geht es um die Frage, wie Nachhaltigkeit, Zirkularität und Resilienz als Konzepte in der Lehre vermittelt und welche neuen Methoden und Praktiken an Hochschulen zur Bewältigung der Herausforderungen des Anthropozäns entwickelt werden. Besonders wichtig ist mir dabei eine globale Perspektive, die nicht nur den Globalen Norden, sondern auch den Globalen Süden einbezieht. Die Ergebnisse werden in einer Monographie sowie einer digitalen Karte münden und idealerweise den Austausch und die Zusammenarbeit in der internationalen Design- und Architekturpädagogik fördern.

Was sind Deine geplanten nächsten Schritte nach dem Fellowship?

Das kann ich noch nicht beantworten. Stand heute würde ich, beziehungsweise würden wir als Familie gerne wieder zurück nach Indonesien beziehungsweise Südostasien ziehen, aber wie sich das mit einem neuen Projekt beziehungsweise einer Stelle verbinden lässt, ist noch völlig unklar. Auch mein „zweites Ich“ als praktizierende Designerin bastelt noch an einem Projekt mit Indonesien-Bezug. 

Fakt ist: So schön die Freiheit der temporären Projektarbeit ist, langfristige Planungen müssen flexibel bleiben – eine immense Hausforderung, gerade für Akademiker:nnen beziehungsweise freie Kreative mit Kindern! 

Das Walter-Benjamin-Programm ist noch ein vergleichsweise junges Stipendienprogramm – was hat Dich zur Bewerbung bewogen, und welche Bedeutung hat die Förderung für Dich?

Ich hatte während meiner Dissertation an verschiedenen Weiterbildungen teilgenommen, unter anderem  an einer 200-stündigen Fortbildung zum Thema Drittmittelakquise und Drittmittelmanagement. Dort habe ich zum ersten Mal vom Walter-Benjamin-Programm gehört. 

Mit meinem interdisziplinären Profil und meinen Erfahrungen in der Praxis und der akademischen Welt ist eine individuelle Förderung als Wissenschaftlerin genau das richtige für mich – ich liebe das selbständige und selbstbestimmte Arbeiten – ob kreativ oder analytisch. Ich bin sehr dankbar über die inhaltliche Freiheit, die mir das Walter-Benjamin-Stipendium gibt.