Dr. Ulrich Wischnath (*1967) hat Umweltphysik und Ozeanographie an der Universität Bremen studiert und dort 2001 seine Promotion abgeschlossen. Über die Energie- und Halbleiterforschung entwickelte er sich ab 2004 zunehmend als Experte für erneuerbare Energien, Klimaschutz und Ressourcenschonung am Bau. Seit 2025 ist er als Klimaschutzmanager an der HfK Bremen tätig.
Lieber Uli, Deutschland hat seine Klimaziele 2025 nur knapp erreicht, die Emissionen sind nur minimal gesunken, insbesondere in den Bereichen Verkehr und Gebäude. Seit etwa 2020 hat sich die Klimadebatte deutlich verschoben – weg von freiwilligen Nachhaltigkeitsprojekten hin zu verpflichtenden Vorgaben mit festen Fristen. Kannst du diesen Wandel kurz einordnen?
Genau. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass Klimaschutz inzwischen gesetzlich geregelt ist, während Nachhaltigkeit häufig noch auf freiwilligen Maßnahmen basiert. 2019 wurde das Klimaschutzgesetz beschlossen und trat 2020 in Kraft. Darin wurden erstmals verbindliche Ziele festgelegt.
Nachhaltigkeit bleibt dagegen oft im Bereich von Absichtserklärungen: Man möchte nachhaltiger handeln, aber ohne konkrete gesetzliche Verpflichtungen. Beim Klimaschutz ist das anders. Nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts 2021 wurde das Gesetz nochmals nachgebessert und ambitioniertere Reduktionspfade festgeschrieben.
Deutschland hat sich außerdem durch das Pariser Klimaabkommen völkerrechtlich verpflichtet. Insofern ist Klimaschutz heute ein rechtlich bindender Rahmen, während Nachhaltigkeit weiterhin stärker normativ geprägt ist.
Viele Hochschulen haben inzwischen Klimaziele formuliert. Wo steht die HfK Bremen aktuell zwischen Vision und Umsetzung? Was hat sich im letzten Jahr konkret verändert?
Der Ausgangspunkt war ein Klimaschutzkonzept von 2017 für die Hochschule für Künste. Damals wurde zunächst eine Emissionsbilanz auf Basis der Daten von 2015 erstellt und anschließend Maßnahmen definiert.
Aktuell haben wir das Klimaschutzkonzept mit Datenbasis 2023 neu aufgelegt. In den Bereichen, die vergleichbar erfasst wurden, liegen wir heute bei etwa 30 % weniger Emissionen. Das ist einerseits auf Maßnahmen der Hochschule zurückzuführen, andererseits darauf, dass der deutsche Strommix durch mehr erneuerbare Energien emissionsärmer geworden ist.
Ein großer Schritt war bereits 2016 der Bau eines Blockheizkraftwerks. Es wird zwar mit fossilem Erdgas betrieben, nutzt aber Kraft-Wärme-Kopplung und ist deshalb effizienter als der normale Strommix. Weitere Maßnahmen sind die immer noch laufende LED-Umrüstung, der Austausch von Heizungspumpen, der Ausbau der Fahrradinfrastruktur, die Einrichtung einer Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt oder auch die Anschaffung von E-Lastenrädern für Transporte. Bei Dienstreisen, Exkursionen und Hochschulfahrzeugen sind die Emissionen sogar um etwa 50 % gesunken. Ob das an weniger Auslandsaufenthalten oder veränderten Reiseformen liegt, müsste noch genauer ausgewertet werden.
Klimaschutz bedeutet oft Veränderungen im Alltag. Wo entstehen an der Hochschule Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit, künstlerischer Freiheit und Hochschulbetrieb?
Ein Beispiel ist die Mensa: Dort gibt es inzwischen ausschließlich vegetarische und vegane Angebote. Aus Klimaschutzperspektive ist das sinnvoll, aber manche empfinden es als Einschränkung der Wahlfreiheit.
Auch im künstlerischen Bereich kann es Konflikte geben. Wenn etwa Materialien aus Umweltgründen vermieden werden sollen, kann das die Designfreiheit begrenzen. Gleichzeitig entstehen daraus auch neue kreative Herausforderungen. Bei den Hochschultagen gab es beispielsweise ein Projekt zur Nachnutzung von Windkraftanlagen-Bauteilen. Das zeigt, dass ökologische Anforderungen auch neue Ideen hervorbringen können.
Aktuell wird viel über Fernwärme gesprochen, etwa bei öffentlichen Gebäuden in der Bremer City. Welche Rolle spielen Fernwärme, Energieeffizienz und erneuerbare Energien für die zukünftige Energieversorgung der HfK?
Die HfK ist bereits mit dem Speicher XI A und der Dechanatstraße an Fernwärme angeschlossen. Der Vorteil von Fernwärme liegt darin, dass erneuerbare Energie zentral eingespeist werden kann, statt in jedem Gebäude einzelne Anlagen zu bauen.
Momentan basiert die Fernwärme für die HfK teilweise noch auf fossilen Quellen sowie auf Müllverbrennung. Letztere wird unterschiedlich bewertet: marktbasiert gilt sie als klimaneutral, standortbasiert entstehen jedoch weiterhin fossile CO₂-Emissionen.
Der Anschluss des Speicher XI verzögert sich derzeit jedoch wegen Asbestfunden im Straßenbereich. Langfristig wäre es sinnvoll, zusätzliche erneuerbare Wärmequellen einzubinden, etwa Flusswasser-Wärmepumpen wie auf der Überseeinsel. Lösungen existieren in Bremen schon.
Steigende Energiepreise und knappe öffentliche Budgets erhöhen den Druck auf Institutionen. Wird Klimaschutz eher als Kostenfaktor oder als strategische Investition gesehen?
Langfristig ist Klimaschutz in vielen Fällen eindeutig eine lohnende Investition. Erneuerbare Energien und energieeffiziente Technologien sind inzwischen häufig langfristig günstiger, allerdings besteht ein klassisches Investitionsdilemma: Die Anfangskosten sind hoch, während Einsparungen erst später entstehen.
Gerade im öffentlichen Sektor ist Investieren oft schwieriger als laufende Ausgaben zu tragen, sodass es trotz der niedrigeren Kosten über den Lebenszyklus bisweilen schwierig ist, wirtschaftlich sinnvolle Maßnahmen zu realisieren.
Neben der Wirtschaftlichkeit haben wir aber auch Vorgaben zu Klimaschutz und Energieeffizienz aus der Zielvereinbarung mit unserer Aufsichtsbehörde, wir unterliegen dem Energieeffizienzgesetz und müssen jährlich etwa 2 % Energie einsparen. Das hilft dabei, die Maßnahmen dann doch durch zu bekommen.
Klimaschutz gelingt selten allein durch Technik. Wo können Studierende und Mitarbeitende konkret Einfluss nehmen – und wo liegen die Grenzen individueller Verantwortung?
Beim Heizen zum Beispiel macht Verhalten tatsächlich einen Unterschied. Wenn die Temperatur in Räumen um ein Grad abgesenkt wird, spart das 6 % Energie. Sowohl die Frage, ob ich im Winter einen dicken Pulli anziehe, als auch das Runterdrehen der Heizung zum Feierabend, leisten einen spürbaren Beitrag zum Klimaschutz.
Auch Mobilität spielt eine Rolle. In unserer Klimabilanz gehört das Pendeln zu den sogenannten Scope-3-Emissionen – sie entstehen nicht direkt auf dem Campus, hängen aber mit der Hochschule zusammen. Hier kann jede Person überlegen, ob Fahrrad, ÖPNV oder E-Bike Alternativen sind.
Grenzen gibt es dort, wo strukturelle Veränderungen notwendig sind; so ist die Anreise mit dem ÖPNV natürlich schwierig, wenn ich an einem Ort wohne, wo außer dem Schulbus nix fährt. Gleichzeitig reagiert Politik darauf, ob gesellschaftliche Unterstützung für Klimaschutz wahrgenommen wird.
Hochschulen gelten als „Reallabore“ gesellschaftlicher Transformation. Welche Rolle kann die HfK über Energieeinsparungen hinaus in der Klimadebatte spielen?
Hochschulen sind Orte des Denkens und Experimentierens. Hier können neue Ideen entstehen und ausprobiert werden. Projekte wie Lastenrad-Initiativen oder Designexperimente zeigen, wie praktische Lösungen entwickelt und erprobt werden können.
Wenn wir in die Zukunft auf das Jahr 2038 blicken – woran würdest du erkennen, dass die HfK den Wandel erfolgreich geschafft hat?
Natürlich wäre eine Klimabilanz mit deutlich weniger Emissionen ein klares Zeichen. Genauso wichtig wäre aber ein verändertes Bewusstsein: dass Klimawirkungen bei Entscheidungen automatisch mitgedacht werden.
Einige Hochschulen versuchen bereits, Ausgaben mit Klimawirkungen zu verknüpfen. Wenn es darüber gelingt, dass alle Leute beim Geldausgeben immer auch an die damit verbundenen Emissionen denken, wären wir einen großen Schritt weiter.
Damit das nicht zur Überforderung wird, sollte man pragmatisch bleiben – nach dem Pareto-Prinzip. Große Hebel zuerst: erneuerbare Energien, effiziente Gebäude, weniger fossile Mobilität, stärker pflanzliche Ernährung. Aber eben ohne dogmatische Perfektion, sondern wirksam und machbar. Dann ist das im besten Fall keine Qual, sondern es dominiert das gute Gefühl, das Klima zu schützen.
Vielen Dank für das Gespräch.
Sehr gerne.
