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Montag | 23. März 2026

Wo Gegenwart und Vergangenheit miteinander in Beziehung treten

HfK-Absolvent:innen gestalten Dokumentartheater über den Holocaust-Profiteur "Kühne + Nagel"
Schauspielerin Emma Floßmann vor einem Weserblick des Videografen Patrick Peljhan, links hinten das Hochaus des "Kühne + Nagel"-Konzerns.
Schauspielerin Emma Floßmann vor einem Weserblick des Videografen Patrick Peljhan, links hinten das Hochaus des "Kühne + Nagel"-Konzerns. © Jörg Landsberg

„Schon schön, so lange nach dem Abschluss meines Studiums 2012 an der HfK Bremen immer wieder neue Verknüpfungen mit ehemaligen Student:innen der Hochschule erleben zu können und zu merken, dass es Verbindungen gibt, welche sich fortlaufend durchs Leben ziehen“, freut sich Janis E. Müller. Der Musiker/Sounddesigner studierte Freie Kunst an der HfK Bremen, war Meisterschüler bei Prof. Jean-François Guiton und Preisträger des Karin und Uwe Hollweg Preises. Jetzt ist er für die Musik des Dokumentartheaterstücks „Raub. Verladene Erinnerungen“ von Melina Spieker und Jan Grosfeld am Theater Bremen verantwortlich – und konnte bei der Produktion mit drei weiteren HfK-Absolvent:innen zusammenarbeiten.

Worum geht es in dem Stück?

Das in Bremen 1890 gegründete und dort immer noch ansässige Speditionsunternehmen „Kühne + Nagel“ ist ein Profiteur des Holocaust. Was nicht unwichtig war für den Aufstieg der mittelständischen Firma zum heutigen Weltkonzern der Logistik-Branche. Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler zum Reichskanzler gekürt, bereits im April 1933 der 45-prozentige „Kühne + Nagel“-Anteilseigner Adolf Maass, Hamburger Kaufmann aus jüdischem Elternhaus, aus dem Geschäft gedrängt, im KZ Auschwitz wurden er und seine Frau ermordet. Mitbegründer Friedrich Gottlieb Nagel war bereits 1907 verstorben. Am 1. Mai 1933 traten Alfred und Werner Kühne in die NSDAP ein. Bald war „Kühne + Nagel“ ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb mit Gaudiplom und Kooperationspartner der NS-Plünderungen, „Aktion M“, vor allem in Frankreich und den Benelux-Staaten. 

„Kühne + Nagel“ transportierte das Hab und Gut geflohener und deportierter Juden nach Bremen und Hamburg, wo es zur Finanzierung des NS-Regimes und ihrer Kriegsführung versteigert wurde. Bis 1944 brachten 29.463 Eisenbahnwaggons und mindestens 580 Frachtschiffe das Raubgut nach Deutschland. „Kühne + Nagel“ gründet derweil europaweit Niederlassungen – „Wachstum in den Fußstapfen der Wehrmacht“. Nach dem Krieg wurden die Kühne-Brüder flott entnazifiziert, um ihre Geschäfte auch im Sinne der Alliierten fortzuführen. Das Unternehmen wird heute vom Gründerenkel und Mehrheitsaktionär Klaus-Michael Kühne geleitet, der die Aufarbeitung der Firmengeschichte verweigert. Das alles erzählt der exzessiv faktenorientierte Theaterabend im Kontext der NS-Historie.

HfK-Absolvent:innen haben den Raum der performativen Lesung gestaltet. Für die düstere Klangatmosphäre der Betroffenheit sorgt die Musik von Janis E. Müller. Die Bühneninstallation verantworten Carla Warneboldt und Lauren Müller. Sie schlossen den Studiengang Integriertes Design 2021 bzw. 2025 an der HfK Bremen ab. Ihre Zusammenarbeit für dieses Projekt entstand aus der gemeinsamen Ausstattungsassistenz am Theater Bremen. 

Statt Gedenksteine lassen die beiden nun 1.000 Boule-Kugeln am Bühnenboden glitzern und immer mal wieder vom Nebel (der Verdrängung) einhüllen. Darüber kreiselt eine Leinwand als leere Projektionsfläche. „Das szenische Konzept versucht nicht, diese Geschichte (Bremens in der NS-Zeit und der ,Kühne + Nagel‘-Akteure) auszuschmücken oder zu dramatisieren. Stattdessen entsteht ein ruhiger Raum, der dem Text und den dokumentarischen Materialien Aufmerksamkeit gibt. Eine reduzierte, konzentrierte Atmosphäre ermöglicht es, dem Erzählten nachzuhorchen – zu erinnern, zu verarbeiten und auch die Frage nach den eigenen Bezügen zur Geschichte mitzudenken“, führen Warneboldt und Müller aus. Bewusst zurückhaltend sollen Bühne, Kostüme und Bilder zwischen Systematik und Beiläufigkeit, Bewegung und Stillstand pendeln. 

„Einen besonderen Fokus wollten wir dabei auf die Frage legen, welche Spuren dieser Geschichte bis heute im Stadtraum und in unserem persönlichen Alltag vorhanden sind – oft unscheinbar, unwissend oder auch verdrängt.“ Als die Frage nach geeigneten Videokünstler:innen aufkam, die sich in ihren Arbeiten mit ähnlichen Inhalten beschäftigen und im besten Fall auch im Raum Bremen leben, fiel den Ausstatterinnen recht schnell Patrick Peljhan ein, den sie noch aus Studienzeiten an der Hochschule kannten. Er schloss das Studium der Freien Kunst als Meisterschüler bei Prof. Natascha Sadr Haghighian ab. 2023 erhielt er den 46. Bremer Förderpreis für Bildende Künste. Mit ihm war das Theater-Team mit seinen unterschiedlichen künstlerischen Expertisen und Erfahrungen vervollständigt. 

Peljhan drehte die im Bühnenhintergrund laufenden Videos. Sie zeigen die Schauplätze des Geschehens in ihrer aktuellen Alltäglichkeit, wo es keinen Hinweis auf das NS-Unrecht gibt. Etwa Raubgut-Auktionsorte wie das Weserstadion, Raubgut-Verkaufsstätten wie das heutige „Aladin“ (Hemelingen) oder Raubgut-Lager wie das an der Friesenstraße (Steintor), aber auch „Kühne + Nagel“-Firmensitze und Wohnorte ihrer Chefs. Die Idee dahinter: „Videoebenen mit Aufnahmen heutiger Orte überlagern sich mit historischen Kontexten und lassen verschiedene Zeiten gleichzeitig sichtbar werden. So entsteht ein offener Erinnerungsraum, in dem Gegenwart und Vergangenheit miteinander in Beziehung treten“, erklären die Künstler:innen.