Dienstag | 30. Juni 2026

Barocke Klangpracht trifft surrealistische Moderne

Interdisziplinäre Opernpremiere mit Purcell-Werken und Francis Poulencs „Les mamelles de Tirésias“

Eine Pressemitteilung von Jens Fischer

Ein Opernabend, der zwei Welten verbindet und doch eine gemeinsame Frage stellt: Was ist wirklich wichtig im Leben? Die Hochschule für Künste (HfK) Bremen lädt zu einem außergewöhnlichen Doppelabend ein, „in dem sich barocke Klangpracht und surrealistische Moderne gegenseitig spiegeln und verstärken“, so Regisseur Ansgar Weigner. Weit mehr als 100 Studierende sind vor, neben und auf der Bühne an der Produktion  beteiligt. Premiere ist am 9. Juli 2026, 19 Uhr, im Speicher XI A, Halle 1.  Weitere Aufführungen ebendort: 10./11. Juli 2026, jeweils 19 Uhr, und am 12. Juli 2026, 15 Uhr.

Im ersten Teil präsentiert die Alte-Musik-Abteilung unter der Leitung von Detlef Bratschke das Opern-Pasticcio „Seven“ nach einer Idee des südafrikanischen Opernregisseurs Kobie van Rensburg. Er hat Stücke des reichen Repertoires von Henry Purcell ausgewählt, etwa aus den Opern „King Arthur“ und „The Fairy Queen“, und mit Werken anderer Barockkomponisten ergänzt. Regisseur Ansgar Weigner bindet die Arien und Lieder zu einer existenziellen Geschichte zusammen. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die ihren runden Geburtstag vorbereitet und voller Vorfreude ihre Freunde und Familie erwartet. Doch kurz bevor die Gäste eintreffen, erhält sie von ihrem Arzt eine Diagnose, die ihr Leben aus den Angeln hebt. Weigner: „Das folgende musiktheatralische Geschehen zeigt mit feinem Humor und berührender Tragik, wie brüchig vermeintlich stabile Freundschaften werden können, wenn Trost und Hilfe ins Leere laufen. Wie begegnet man einem Menschen, dessen Welt gerade zerfällt? Was sagt man, wenn jedes Wort falsch klingt? Und wie findet man selbst Halt, wenn man helfen möchte und doch nur hilflos ist? Das Pasticcio wird zu einer leisen, zugleich kraftvollen Auseinandersetzung mit der Frage, was im Leben Bestand hat, wenn Gewissheiten verschwinden.“

Videokünstler Erik Wälz (Studierender der Digitalen Medien) bebildert Handlungsorte und Innenleben der Figuren, projiziert die Videos auf mobile Bühnenelemente und lässt Sänger:innen per Laserstrahl mit den Bewegtbildern kommunizieren. Die Kostüme der Produktion werden aus Papierstoff gefertigt und von der Kostümdesignerin Emilia Sting entworfen, einer HfK-Alumna des Studiengangs Integriertes Design. Studierende der Figurativen Malerei haben die Oberflächen malerisch gestaltet – ebenso wie das Bühnenbild der folgenden Oper. 

Sie schlägt einen radikalen Bogen in die Moderne: Die Klassische Abteilung der HfK Bremen bringt gemeinsam mit dem großen Hochschulorchester unter der Leitung von An-Hoon Song die Opéra-bouffeLes mamelles de Tirésias“ (uraufgeführt 1947) von Francis Poulenc auf die Bühne: eine Folge neoklassizistisch beeinflusster Nummern mit reichlich Anspielungen auf die Musikliteratur. Das Werk negiert so lust- wie humorvoll die klassischen Geschlechterrollen, vergnügt sich mit der sozialwissenschaftlichen Theorie von „Doing Gender“ und wirkt dabei wie eine zeitgemäße Anspielung auf unsere queere, bunte Gesellschaft. Die aus der Musik zu gewinnende kreative Kraft regt dazu an, sich mit surrealer statt algorithmischer Logik aufs Leben einzulassen und die anarchistische Macht der Kunst und Fantasie zu feiern. 

In grotesker Überzeichnung erzählt das Werk von Thérèse, die genug hat vom ständigen Blick durch die Brille männlicher Erwartungen. Sie boykottiert das Hausfrauen-Dasein, trennt sich von ihren  Brüsten und verweigert die Rolle der Gebärenden. Das übernimmt ihr Mann, der in einer Art surrealem Labor täglich 40.050 Kinder produziert. Einerseits klingt das nach nationalem Heldentum, kriegsbedingte Ausfälle in der Bevölkerung zu kompensieren. Andererseits stürzt so der Staat ins ökonomische Chaos. Thérèse propagiert derweil als Theresias den Geschlechtertausch als Emanzipation. 

Das von Poulenc im 2. Weltkrieg vertonte Libretto hatte Guillaume Apollinaire unter dem Eindruck des 1. Weltkriegs geschrieben. Er entwarf mit der tiefsinnigen Extravaganz des Wortwitzes eine Hymne auf das Leben, auf Veränderung und auf die Freiheit, in alle Richtungen zu denken. „Les mamelles de Tirésias“ zeigt dabei, so Ansgar Weigner, „wie Gesellschaften seit jeher zwischen konservativen und liberalen Polen pendeln, oft ausgelöst durch Krisen oder Kriege. Sie feiert eine Zeit, die unserer Gegenwart erstaunlich nahe ist, und kritisiert zugleich eine Welt, die zunehmend von Ökonomie, Egoismus und schwindender Empathie geprägt ist. Gerade weil Geschichte sich wiederholt und neue Konflikte am Horizont drohen, bleibt dieses Werk erschreckend aktuell. So entsteht ein Abend, der zwischen heiterer Leichtigkeit und existenzieller Tiefe pendelt, zwischen barocker Intimität und surrealistischem Überschwang. Ein Abend, der uns zum Lachen aber auch zum Nachdenken bringt. Und der uns daran erinnert, dass Musiktheater nicht nur Geschichten erzählt, sondern uns immer wieder neu fragt, wie wir leben wollen – und wie wir miteinander umgehen.“

 

Regie: Prof. Ansgar Weigner 

Regieassistenz: Nae Kohatsu Matakas 

Video: Erik Wälz (Digitale Medien, Klasse Prof. Ralf Baecker)

Gesamt-Ausstattung: Heike Neugebauer

Kostüme/Bühnendekoration: Studierende der Klasse Prof. Heike Kati Barath (Figurative Malerei) 

Kostümdesign: Emilia Sting

Maske: Emil Ackmann

 

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„Seven“ – Opern-Pasticcio mit Musik von Henry Purcell nach einer Vorlage von Kobie van Rensburg

Barockensemble der Alten Musik, Leitung: Prof. Detlef Bratschke

Solist:innen

Lara: Rebecca Bottari | Nunu: Francisco Valente Goncalves Henriques 
Samuel: Aaron Paul Schmitt | Rocco: Luca David Segger | Chelsea: Seran Oh | Jennifer: Cora Theobald | Mohab: Gerrit Arne Schneider | Harald: Leonard Johannes Kiefer | Tim: Christopher Charles Joseph Neale | Dick: Jakob Jänig | Romely: Isabel Chrostek

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„Les mamelles de Tirésias“ von Francis Poulenc

Projektchor und Hochschulorchester, Leitung: An-Hoon Song

Solisten: 
Thérèse/La cartomancienne: Madoka Sakai, Shiyi Huang, Tianyi Xiong | La marchande de journaux: Xinnan Huang | La dame elegante: Tianyi Xiong, Zhangtianyi Li | La dame grosse: Annelie Franke, Bella Gutay | Le mari: Fabian Geier, Francisco Henriques | Le Gendarme: Runyu Jiang | Le directeur: Hwanyeong Jeong | Presto/Le monsieur barbu: Sangwoo Choi, Wenzhuo Jiang | Lacouf=Lacouffe: Yein Kim, Yujia Ding | Le Journaliste: Chaoyan Yang | Le fils=La fille: Ida Grotke, Lotta Wolter

Chor: 
Tianyi Xiong, Zhangtianyi Li, Ida Grotke, Lotta Wolter, Lioba Brändle (Sopran) | Seungmin Baek, Annelie Franke, Bella Gutay (Alt) | Alexander Schmidt, Yein Kim, Yujia Ding, Chaoyan Yang (Tenor) | Shirui Liang, Jakob Jänig, Christopher Neale, Sangwoo Choi, Wenzhuo Jiang, Hwanyeong Jeong (Bass)

Hochschulorchester:
Flöte: Ekaterina Rozhdestvenskaya, Jinyi Wang, Elise Godin, Huixin Chen | Oboe: Kaipeng Wang, Yingchen Chen, Yuzhe Jiang, Leiye Qiu | Klarinette, Bassklarinette: t.b.a. | Fagott: Ting-Chih Liang, You-Rong Chen, Hyunshin Kim | Horn: Maki Fujimoto, Gonçalo Ferreira, Estrella Prada Ramírez, Maximilian Faust | Trompete: Biel Pelfort Bartoló, Yi-Hsin Chuang, José María García Heras, Patrick Rohloff | Posaune: Roman Lokhmachev, Alexander Lehmbecker | Tuba: Sota Yamamoto | Pauke/Schlagwerk: Sebastián Cartes Chaparro, Hyeonyu Goh, Xueou Chen | Harfe: Jara Egen | Klavier: Jintao Zhu, Weier Zeng | Violine I: Johanna Baron, Hirona Ise, Xingfeng Luo, Miao Liu, Chih-Ning Yang, Yu-Ci Yang, Pia Constanza Barrios Gomez, David Rosenberg, Seewoo Park, Lina Zakharava, Miao Liu, Hirona Ise, Yun-Chen Wu, Till Funk | Violine II: Alvaro Cordova Luna, Sinhá Winkler, Shuyu Wang, Claudia Jung, Shuran Yang, Yung-Hsi, Amèlia Fellows Morey, Chiara Stanese, Mariami Zdragat, Sinhá Winkler, Yung-Hsi Ko, Claudia Jung | Viola: Elias Falk, Facundo Ortega, Siyu Xiang, Audrey Monfils, Joaquin Leon Fernandez, Tunya Sahin, Liam Marong, Polet Silva Lorca | Violoncello: Michael Schorr, Zoya Chumachenco, Clemens Parketny, Yijia Liu, Vaughan Kennedy Mc Lea, Zofia Momot, Yuhe Yang, Luca Miedek | Kontrabass: Hanbit Lee, Mingnan Guan, Dong-Seong Min, Ke-Ching Chen, Fridtjof Springer, Xiangji Hu