Giovanni Gabrieli: Mehrchörige Pracht in San Marco
Das Programm umfasst die großen polychoralen Instrumentalwerke von Giovanni Gabrieli aus seinen Sacræ Symphoniæ (1597) und Canzoni e Sonate (1608), die für den Markusdom in Venedig komponiert wurden. Die Werke werden mit mehrere Zinken, Posaunen, Dulzianen, Violinen, Gamben und zwei Orgeln aufgeführt.
Instrumentalist: innen des Instituts für Alte Musik und Aufführungspraxis der HfK Bremen.
Leitung: Maximilien Brisson
Programm
- Sonata XVIII a 14 *
- Canzon per sonar Duodecimi toni a 10 †
- Canzon VIII a 8 *
- Canzon XVII a 12 *
- Canzon XIV a 10 *
- Canzon XVI a 12 *
- Sonata XIX a 15 *
- Canzon per sonar Quarti toni a 15 †
- Sonata XXI con tre violini *
- Sonata Octavi toni a 12 †
- Canzon XI a 8 *
- Sonata XX a 22 *
* Canzoni & Sonate, Venedig 1615
† Sacræ Symphoniæ, Venedig 1597
Mit Orgelintonationen von Giovanni und Andrea Gabrieli (ca.1533–1585) aus Intonationi d’organo, Venedig 1593.
Die oft vorschnell als „venezianischer Stil“ bezeichnete Mehrchörigkeit – Musik für zwei oder mehr räumlich voneinander getrennte Chöre – war in der Spätrenaissance nicht nur in Venedig, sondern in weiten Teilen Italiens und auch nördlich der Alpen außerordentlich beliebt. Obwohl dieser Stil weder in Venedig entstand noch jemals ausschließlich dort gepflegt wurde, erreichte er in der Serenissima zweifellos seinen Höhepunkt. Kaum ein Name ist so eng mit der Mehrchörigkeit verbunden wie der der Gabrielis: Andrea, der Onkel, und Giovanni, der Neffe, die beide als Organisten an der „Kapelle“ des Dogenpalastes wirkten – der prachtvollen Basilika San Marco.
Giovanni Gabrieli wurde zwischen 1554 und Anfang 1557 geboren. Ab etwa 1566 scheinen Giovanni, sein Bruder Giacomo und ihre Mutter Paola von ihrem Onkel mütterlicherseits, Andrea Gabrieli, unterstützt worden zu sein. Dieser war nach seiner Rückkehr aus München, wo er im Dienst Herzog Albrechts V. von Bayern gestanden hatte, zum zweiten Organisten von San Marco ernannt worden. Beide Jungen übernahmen schließlich den Familiennamen ihres Onkels. Im Jahr 1575 verschaffte Andrea seinem Neffen möglicherweise in dem Bemühen, ihn zu Beginn einer schweren Pestepidemie aus Venedig zu entfernen, eine Anstellung bei seinem früheren Arbeitgeber in Bayern. Dort arbeitete Giovanni unter der Leitung Orlando di Lassos unter den „Virtuosi“ Herzog Albrechts V. Nach seiner Rückkehr nach Venedig – möglicherweise nach dem Tod des Herzogs im Jahr 1579 – wurde Giovanni Organist an der Scuola Grande di San Rocco, der reichsten und einflussreichsten der sechs großen venezianischen Bruderschaften. Dieses Amt bekleidete er bis 1606. Bereits 1584 hatte er zudem vertretungsweise die Stelle des zweiten Organisten von San Marco übernommen, während sein Onkel zum ersten Organisten aufgestiegen war. Doch schon 1585 starb Andrea Gabrieli, und Giovanni wurde zu dessen Nachfolger als erster Organist ernannt – ein Amt, das er bis zu seinem Tod im Jahr 1612 innehatte.
Als weithin einflussreiche Persönlichkeit war Gabrieli ein begehrter Lehrer. Berühmt ist insbesondere der Fall Heinrich Schütz’, den der Kurfürst von Sachsen nach Venedig entsandte, um bei Gabrieli zu studieren. Auf diesem Wege gelangten Gabrielis mehrchöriger Stil und manche seiner charakteristischen harmonischen Eigenheiten nach dem protestantischen Sachsen. Gabrieli wird darüber hinaus eine wichtige Rolle bei der Emanzipation von Kontrapunkt und Polyphonie von den konventionellen Mustern der früheren Musik des 16. Jahrhunderts zugeschrieben und ebnete damit den Weg für barocke Vorstellungen von musikalischer Rhetorik und Textausdeutung. Zugleich ist er der erste Komponist, der bestimmte Instrumente ausdrücklich für bestimmte Stimmen vorsieht und beginnt, idiomatisch für die jeweiligen Instrumente zu schreiben. Wegweisend waren in dieser Hinsicht die instrumentalen Canzonen und Sonaten seiner Sacræ Symphoniæ von 1597. Ebenso bedeutend sind jene Werke, in denen vokale und ausdrücklich instrumentale Stimmen miteinander kombiniert werden – im Gegensatz zu Stimmen, die zwar vermutlich instrumental ausgeführt wurden, aber nach vokalen Prinzipien komponiert sind. In den posthum veröffentlichten Canzoni & Sonate (1615) erreicht die mehrchörige Instrumentalmusik schließlich ihre volle Reife.
Der mehrchörige „venezianische“ Stil – der, wie bereits erwähnt, weder seinem Ursprung noch seiner Verbreitung nach ausschließlich venezianisch war – ist häufig eng mit der Architektur der Basilika San Marco in Verbindung gebracht. Tatsächlich eignete sich diese Kirche in besonderem Maße für eine solche Musik: Auf beiden Seiten des Chorraums befanden sich einander gegenüberliegende Emporen, jeweils mit einer eigenen Orgel. Sie lagen weit genug auseinander, um einen stereophonen Effekt zu erzeugen, zugleich aber nahe genug und ausreichend erhöht, um den musikalischen Zusammenhang zwischen beiden Seiten zu wahren. An hohen Festtagen konnten diese Einrichtungen durch provisorische hölzerne Podeste ergänzt werden, die es ermöglichten, weitere Chöre rund um den Chorraum zu platzieren.
Gabrieli war jedoch zugleich Organist an der Scuola Grande di San Rocco. Dort wurde alljährlich zum Fest des heiligen Rochus die prächtigste musikalische Veranstaltung der Stadt ausgerichtet. Die besten Musiker aller Kirchen Venedigs kamen zusammen, um stundenlange Konzerte zu gestalten. Nach dem Bericht des englischen Reisenden Thomas Coryat in seinem 1611 erschienenen Reisebuch Coryat’s Crudities wirkten dabei zuweilen „sechzehn oder zwanzig“ Sänger und ebenso viele Instrumentalisten mit, begleitet von „sieben schönen Orgeln in einer Reihe“. Coryat berichtet außerdem vom Einsatz von Posaunen und Zinken zusammen mit Violinen und Gamben in sechzehnstimmiger Instrumentalmusik – eine Besetzung, die wohl eher in San Marco oder einer anderen Kirche anzutreffen gewesen sein dürfte, da die Gambe im Gegensatz zu einer Violine oder einem Blasinstrument kaum von einer Empore aus eingesetzt werden konnte.
Die heute erklingenden mehrchörigen Instrumentalwerke Gabrielis könnten für beide Aufführungsorte komponiert gewesen sein – oder wahrscheinlich sogar für beide zugleich. Interessant ist dabei, dass sich diese beiden Aufführungskontexte in mehrfacher Hinsicht deutlich unterscheiden. Besonders bedeutsam ist die Art der räumlichen Aufstellung der Chöre: In San Rocco befanden sie sich auf derselben Ebene wie die Zuhörer (oder leicht erhöht auf provisorischen Holzpodesten); in San Marco hingegen musizierten sie von gegenüberliegenden Emporen sowie von niedrigeren, temporären Podesten aus. Dies beeinflusste entscheidend die Wahrnehmung der Musik. In San Marco konnten nur die wenigen Personen hinter dem Lettner – der Doge, seine Gäste und der Klerus – die volle räumliche Wirkung der Musik erleben, während die Besucher im Kirchenschiff vor allem den Nachhall der Klänge im gewaltigen Raum vernahmen. In San Rocco hingegen stand ein weit größeres Publikum, ähnlich wie Thomas Coryat, mehreren Orgeln und zahlreichen Instrumentalchören unmittelbar gegenüber. Zwar fehlte hier der überwältigende Rundumklang, den der Doge in San Marco genießen konnte, doch bot sich dafür ein beeindruckendes stereophones Hörerlebnis.
Für das heutige Konzert bietet die St.-Jakobi-Kirche die seltene Gelegenheit, beide Aufführungssituationen miteinander zu verbinden. Chöre und Orgeln befinden sich vor Ihnen auf der Ebene des Publikums, wie in San Rocco. Zugleich erklingen die Ensembles aber auch von Emporen und aus alle Richtungen, wie im Chorraum von San Marco. Sie können diese Musik with Thomas Coryat erleben, voller Staunen beim ersten Hören als (Zeit-)Reisender – oder wie der Doge von Venedig, sitzend unter den goldenen Mosaiken und der Pracht von San Marco.
Wichtige Informationen
Der Eintritt ist frei.