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Donnerstag | 26. Februar 2026

Die Gute-Laune-Fee der Oper

Zehn HfK-Studierende sind für Henry Purcells Oper „Dido und Aeneas“ ans Theater Bremen engagiert
Carmen Callejas
Carmen Callejas © Belén Ferrer Thuillier

Im Mythos und in der Liebe hat die Vernunft nicht viel zu sagen. Aber viel hineindeuten lässt sich in solche Geschichten. Vergil erdichtete in den letzten Jahren vor seinem Tod im Jahre 19 v. Chr. das Epos „Aeneis“. Geschildert werden die Irrfahrten des Heldenprinzen Aeneas, der aus dem gerade abgefackelten Troja flüchtet und von Göttervater Zeus nach Italien geschickt wird, wo er das Römische Reich zu gründen hat. Beim Zwischenstopp in Karthago gewährt ihm Königin Dido die Gastfreundschaft und rührt sein Herz, was ihr Herz rührt. Ja, er ist irgendwie in sie verliebt, sie auf alle Fälle in ihn vernarrt. Henry Purcell entwickelte aus dieser hitzigen Konstellation in den 1680er Jahren eine der ersten durchkomponierten Opern Englands: „Dido and Aeneas“. Von zarter Hoffnung und kräftigem Sehnen über Glück hin zu Trauer und Tod lässt die Partitur alle Stadien der scheiternden Paarbindung aufscheinen – stets schwebend zwischen Wunsch und Wirklichkeit. 

Mittendrin irrwischt Belinda herum, von der man nicht so genau weiß, ob sie Schwester, Kammerzofe, Beraterin, beste Freundin Didos ist oder Lobbyistin der romantischen Liebe, vielleicht auch  Abgesandte von Aeneas. Jedenfalls bestärkt sie Dido in ihrer aufwallenden Leidenschaft, schwärmt von Aeneas. Wie super der aussieht. Was für ein toller Typ das ist. So begehrenswert. Nur leider für Kinder und Familienleben nicht zu haben. Halt eine Heros-Gestalt, ein eitler Abenteurer, immer unterwegs. Sein Verhalten sendet reichlich Warnsignale aus, die Frauen lesen müssten, um sich vor einer toxischen Beziehung zu schützen. Aber Belinda bleibt bei ihren Einflüsterungen, bestätigt Dido in ihrer euphorischen, aber irrationalen Zuneigung. Hilft ihr über Traurigkeit, Einsamkeit und Zweifel hinweg, bleibt eine emotionale Stütze. Sie ist die Gute-Laune-Fee der Oper. „Meine Traumrolle, eine total lebendige Figur, pushy wie eine Cheerleaderin, immer froh. Mit ihrer Persönlichkeit kann ich mich sehr gut verbinden“, sagt die Sopranistin Carmen Callejas, die im 5. Semester ihres Masterstudiums Gesang Alte Musik an der Hochschule für Künste (HfK) Bremen eingeschrieben ist. 

Und dann hieß es im November 2025 plötzlich, das Theater Bremen veranstaltet ein Vorsingen für diese Rolle. Eingeladen waren HfK-Studentinnen. Natürlich bewarb sich Carmen Callejas, trug zwei der sieben kurzen Arien der Belinda vor – und gewann. Außerdem wurden für den Chor der Oper die HfK-Studierenden Ida Grotke (Sopran), Anastasia Lakka-Boni (Alt), Alexander Schmidt (Tenor) und Hwanyeong Jeong (Bass) engagiert. Auch die Musiker:innen sind HfK-Studierende: Johanna Dall'Asta (Violine), Ayano Shigematsu (Violine), Tim Wei Lam (Viola), Barbara Hartrumpf (Violoncello) und Theo Small (Kontrabass). Am 28. März ist Premiere der Produktion, Regie führt Kristina Franz. Wie schon ihre Kollegen Krzysztof Warlikowski an der Bayrischen Staatsoper (2023) und Christian Tombeil am Theater Krefeld (2007) versucht sie, das barocke Werk mit Arnold Schönbergs Monodram „Erwartung“ zu koppeln. Gezeigt werden soll, wie „schön Schönberg klingen kann“ und wie sich zwischen Barock und spätromantischer Moderne „zwei Schicksale zwischen Leiden und Leben, Sehnen und Suchen“ offenbarten, teilt das Theater Bremen mit.

Mittendrin: Carmen Callejas. Die 27-Jährige will im Sommersemester 2026 an der HfK Bremen zu ihrem Masterkonzert laden und ihre Abschlussarbeit abgeben. Darin beschäftigt sie sich anhand der Biografie von Antonia Padoani Bembo (1640-1720), einer italienischen Komponistin. Außerdem studiert sie mit einem Stipendium bis März 2027 an der Schola Cantorum in Basel „Master of Advanced Vocal Ensemble Studies“. Ihren Bachelor hatte die Sängerin an der HFMT in Hamburg erworben. Wo sie bereits den künstlerischen Leiter der Purcell-Oper, Yu Sugimoto, kennengelernt hat. Außerdem arbeitet Carmen Callejas schon seit ein paar Jahren im Profigeschäft. Sie singt beispielsweise im RIAS Kammerchor Berlin seit sie dort 2021/2022 Akademistin war, nahm im Februar 2026 mit der Gruppe Cantoría eine CD auf und ist mit diversen Kammermusikensembles live zu erleben. „Da kann man persönlich mehr musikalische Details ausarbeiten als in großen Gruppen“, sagt sie. Besonders gern widmet Callejas sich alter spanischer Musik, den Klängen Mozarts und des Barock. „Aber ich mag auch Neue Musik.“ 

Was sie im Konzertleben vermisst, ist das Spielen. Also das Schauspielen. Also Oper. Wo niemand nur dasteht und singt, sondern jede:r seine eigene Persönlichkeit mit auf die Bühne bringt und alle miteinander agieren. So dass ein gemeinsamer Raum zwischen einander geschaffen wird, eine gemeinsame Realität, in der sich die Auseinandersetzungen des Textes, der Figuren, der Spielenden verhandeln lassen. Auf der Bühne soll es anno 2026 eben nicht so zugehen wie im 17. Jahrhundert, sondern eine inhaltlich und ästhetisch aktuelle Ausdeutung des Stoffes zu erleben sein. Heute gehe es bei einer Barockoper wie „Dido und Aeneas“ vor allem um die zeitgemäße Vermittlung der Emotionen. „Darauf freue ich mich total, meine Beine werden vor dem Auftritt ein bisschen zittern, aber dann geht’s los.“ 

Die Belinda-Partie hat Callejas bereits vor Jahren einstudiert, sie kannte die Melodien sogar schon schon als Kind, „weil sie diesen catchy Ohrwurmcharakter haben, weswegen ich die Oper lieben gelernt und auch schon vier ,Dido und Aeneas‘-Inszenierungen gesehen habe, erstmals mit 12 Jahren.“ Bereits im achten Lebensjahr begann die Künstlerin in ihrem Geburtsort Granada (Spanien) in einem Chor zu singen.

Und wie wird ihre Belinda in Bremen aussehen? „Sehr girly“, sagt die Sängerin, „ich trage eine Perücke und ein modernes Kostüm mit Barockeinflüssen. Darin spiele ich außerdem noch eine Hexe, suche also auch das Hexenhafte in der Belinda.“ Die Hexen selbst sind fiese Zauberinnen, Aeneas nötigen sie zum Aufbruch. Er hat ja einen göttlichen Auftrag und soll sich nicht durch persönliche Liebe ablenken lassen. Und so kommt es zum Abschied von Karthago und damit zur Beendigung seiner möglichen Affäre mit oder Liebe zu Dido. Woraufhin sie ihr finales Lamento anstimmt und sich suizidal von der Bühne verabschiedet. Gebrochenes Herz. Wie steht Belinda dazu? „Wir erkunden gerade noch auf den Proben, wer genau Belinda ist. Ist sie selbst in Aeneas verliebt? Hat sie eine politische Agenda?“, fragt  Callejas. Aber ist ihr Werben für den Liebreiz des Aeneas aus heutiger Sicht o. k.? Kann man das, was zwischen Dido und Aeneas läuft, noch als große Liebe inszenieren, von der jede:r träumt? Carmen Callejas: „Dido ist komplett abhängig von Aeneas und er nie da. Immer wartet sie auf ihn, dass er sie aus ihrem Leben errettet. Sie hat kein anderes Ziel, als diesen Mann. Und leidet daran. Schrecklich. Nein, nein, nein, das ist kein tolle Liebesgeschichte und das wollen wir auch zeigen.“

Dazu passt auch die von Arnold Schönberg in expressiver Klangsprache erzählte „Erwartung“ als ebenso ungesunde Fixierungsgeschichte – das Selbstgespräch einer durch mondhelle Straßen und einen dunklen Wald irrenden, von Angstzuständen getriebenen Frau, die ihren Geliebten sucht und tot auffindet. Zweimal also Verlusterfahrung einer Verzweifelnden, die zwar lieben, sich aber dennoch selbst im Wege stehen. Zu erwarten ist daher wohl ein Theaterabend voller emotionaler Wucht und einer virilen Belinda, die sich zwischen allen Fronten zu positionieren hat. 

„Es ist ein Geschenk, hier dabei sein zu dürfen“, sagt Carmen Callejas. „Und das verdanke ich an der HfK Bremen vor allem meiner wunderbaren Lehrerin Bettina Pahn. Als ich nach Bremen zum Studieren kam, war ich müde, blockiert, sie hat mich befreit und wieder selbstbewusster gemacht.“ Und eben geholfen, bereits vor dem Studienabschluss ihre Liebe zum Gesang auch vernünftig im Klassik-Business zu platzieren. Mit der Referenz, die Belinda am Theater Bremen gesungen zu haben, hofft Callejas auf weitere  Engagements an anderen Bühnen. „Weil ich weiterhin meinen Gesang mit der Schauspielerei verbinden möchte.“