Hoch hinaus: Ein Block, zwei Murals und ein bisschen Kresse
Johannes Graf-Kresse und Edeltraut Rath auf dem MURAL CITY 2026Im August haben wir in unserem ersten großen Alumna-Porträt Tini Emde mit ihren Sprücheklopfern samt Kresse vorgestellt. Letztere scheint uns nicht loszulassen… Unweit des EMTI Studios stoßen wir am 19. August 2026 auf neue ungeahnte Kresse-Spuren. Diese kommen allerdings nicht von Tini Emde – die Hansestadt verfügt nun über ein eigenes Kresse-Original: Seit Ende August ist Bremen als offizielle Urban Art City um mindestens elf Murals von internationalen Urban Artists reicher. Darunter befinden sich auch zwei Bremer:innen.
Im Rahmen des MURAL CITY FESTIVALS 2026 haben die HfK-Alumna Edeltraut Rath und der zukünftige Alumni Johannes Graf alias Kresse aus der Klasse Prof. Kati Barath im Fehrfeld 43 und 44 jeweils ein eigenes Kunstwerk im öffentlichen Raum geschaffen. Unter dem Motto „Beauty of Science“ arbeiteten sie zu den Wissenschaftsdisziplinen Logistik und Sozialwissenschaften. Darüber hinaus hatten beide denselben begleitenden Science-Partner, der eine Brücke zu ihrer künstlerischen Arbeit mit Forschungsstudien und Vorträgen schlug.
Ein Zuhörer für Gerhard Marcks´ Rufer: Kommunikation als Schlüsselkompetenz
Johannes Graf-Kresse hat bereits erfolgreich einen Bachelor in Kunsttherapie an der Hochschule für Kunst im Sozialen in Ottersberg absolviert. Seit über zehn Jahren arbeitet der 38-jährige künstlerisch im sozialen Bereich und ist nebenbei freischaffend u. a. für Projekte im öffentlichen Raum tätig. Und als ob das noch nicht genug wäre, studiert er parallel Freie Kunst an der Hochschule für Künste Bremen. Begonnen hat seine künstlerische Laufbahn im Alter von 13 Jahren mit Graffiti. Durch das Diplomstudium an der HfK Bremen in der Klasse von Prof. Heike Kati Barath hat er sich in der Malerei weiter professionalisiert und seinen eigenen Stil gefunden. Drei Anläufe hat er gebraucht, um die Hochschule zu überzeugen, dass er auch mit Ü-30 „stilistisch noch formbar“ und nicht zu alt für ein Zweitstudium ist. Sein Wille und Durchhaltevermögen haben sich bezahlt gemacht – inzwischen steht er kurz vor Ende seines Diplomabschlusses und erfreut sich einem wachsenden Interesse von Käufer:innen. Das Sprühen gehört schon lange der Vergangenheit an. Nachhaltigkeit steht bei ihm im Vordergrund. Auf seinen Murals und Arbeiten im öffentlichen Raum hat sich die Malerei klar durchgesetzt. Er und Edeltraut Rath zeigen, dass Urban Art auch ohne Outlines auskommt.
Als „unfertig“ beschreibt eine Mieterin der Wohnblöcke im Fehrfeld seine Arbeit. Für Graf-Kresse ist das das schönste Kompliment, das er bis dato für sein Mural mit dem Titel „zU HoeReEn (Listening)“ bekommen hat – denn genau das soll es sein. Ein Werk, dass als unfertig wahrgenommen wird, sorgt zunächst für Irritation und wirft Fragen auf. Und Fragen sind ein idealer Ausgangspunkt für gelungene Kommunikation: Wer ist dargestellt? Was macht die Person? Wem hört sie zu und warum? Graf-Kresse nimmt in seiner Arbeit Bezug auf Gerhard Marcks´ Skulptur „Der Rufer“. 1966 von Radio Bremen in Auftrag gegeben, sollte dieser ursprünglich den Rundfunk und das Fernsehen zeitlos repräsentieren und „die Nachricht in die Welt setzen“. Der Rufer wurde zum Symbol für Frieden und Meinungsfreiheit. Wenige Monate vor dem Mauerfall im Jahr 1989 wurde ein Abguss des Rufers auf der Straße des 17. Juni zwischen dem Brandenburger Tor und der Siegessäule in Berlin installiert. Ein weiterer Abguss von 1982 steht im australischen Perth.
Ausgangspunkt für die begleitenden Vorträge des Science-Partners aus den Sozialwissenschaften ist die 40-Jahres-Panelstudie „Life Under Nuclear Threat“. In zwölf Befragungswellen wurde an der Constructor University in Bremen unter der Leitung von Prof. Klaus Boehnke untersucht, welche Auswirkungen die Angst vor der atomaren Bedrohung des Kalten Krieges in den 1980er Jahren auf Kinder und Jugendliche hatte. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass ein frühes und dauerhaftes politisches Engagement zu mehr Resilienz beiträgt.
Graf-Kresse verfolgt mit seiner Arbeit einen Ansatz, die eigene Männlichkeit kritisch zu hinterfragen: „Als männlich sozialisierte Person möchte ich privilegienbewusst werden und Raum lassen (im Sinne von zuhören) für Stimmen und Perspektiven von Menschen, die überhört oder unterdrückt werden und weniger privilegierte Voraussetzungen haben. In diesem Moment tritt die eigene Sicht auf die Dinge in den Hintergrund.“ Johannes Graf-Kresse wuchs in Nordhausen im Südharz an der innerdeutschen Grenze auf. In seinen Arbeiten hinterfragt er grundlegend seine eigene männliche (Ost-)Sozialisation.
73 Jahre jung und noch immer auf dem Gerüst unterwegs
Edeltraut Rath zählt nicht nur zu den Pionier:innen der Kunst im öffentlichen Raum in Bremen – sie ist vermutlich auch eine der ältesten Künstler:innen, die selbst im Alter von 73 Jahren noch immer auf Gerüste steigt und dieser harten körperlichen Arbeit nachgeht. Und dabei handelt es sich bei der zehn Meter hohen Wand im Rahmen des MURAL CITY noch um eines ihrer kleinsten Projekte: Die Gestaltung ganzer Schulzentren ist eines ihrer Steckenpferde. Hierzu zählt auch das große Wandmalereiprojekt für das Schulzentrum Carl von Ossietzky mit seinen fünf Treppenhäusern in Bremerhaven aus dem Jahr 2007. Aufgrund des Wirtschaftsstandortes wählte sie dafür – passend zu ihrem Thema beim MURAL CITY 2026 – Logistik als übergeordnetes Thema und schuf sich dabei mit der Verwendung von 56 verschiedenen Farbtönen eine eigene logistische Herausforderung. Ihren Ehemann spannte Rath beim MURAL CITY als Assistenten mit ein. Mit zunehmendem Alter unterstützt er sie tatkräftig bei ihren künstlerischen Großprojekten.
Ein weiterer Schwerpunkt von Edeltraut Rath sind Unterführungen. Erst kürzlich hat Rath die Eisenbahnunterführung zwischen Berckstraße und Luisental in Horn-Lehe nach einem gemeinsamen Entwurf mit der Künstlerin Maria Mbereshu aus Namibia gestaltet. Eines wird im Interview vorab schnell klar: Die Lebensgeschichte von Edeltraut Rath ist so spannend, dass wir die Alumna noch einmal gesondert vorstellen werden.
Doch so viel vorab: Auch Rath hat ebenso wie Graf-Kresse nach ihrem Erststudium der Malerei an der HfK Bremen zunächst als Künstlerin im sozialen Bereich gearbeitet, ein zusätzliches Zweitstudium absolviert und kommt ursprünglich aus der figurativen Malerei – besser gesagt aus dem sozialistischen Realismus. Heute zeichnen klare, leuchtende Farben, geometrische Formen und Farbfelder ihren künstlerischen Stil aus. So auch auf ihrem Mural „Orchesterklang 2026“, das im Rahmen des Festivals stellvertretend für das interdisziplinäre Wissenschaftsgebiet der Logistik steht. Umwelt, Gesundheit und Nachhaltigkeit sind ganz entscheidend für die Wahl ihrer Materialien. Demnach ist der Verzicht auf Dosen für sie ebenso selbstverständlich wie für Johannes Graf-Kresse. Darüber hinaus wird auf dem gesamten Festival ohnehin ausschließlich mit nachhaltigen, klimapositiven Wandfarben gearbeitet.
Zwei Generationen Unterschied und doch ungewöhnlich viele Gemeinsamkeiten
Trotz ihres 36-jährigen Altersunterschieds verbinden Edeltraut Rath und Johannes Graf-Kresse – abgesehen von einer zusammenhängenden Gebäudefassade und einem Diplomstudium der Freien Kunst an der HfK Bremen – ungewöhnlich viele Gemeinsamkeiten: Beide haben ein künstlerisches Zweitstudium gewählt, waren bzw. sind zwischen ihren Abschlüssen kreativ im sozialen Bereich tätig, kommen aus der figurativen Malerei, realisierten u. a. Projekte mit der Kunsthalle Bremen und teilen ein hohes Nachhaltigkeitsbewusstsein sowie eine HfK-Studienzeit in weltpolitisch bewegten Zeiten.
Das Beispiel der beiden Künstler:innen zeigt, wie viel Verbindung es trotz des großen Altersunterschieds geben kann – auch ohne voneinander zu wissen. Vielleicht sollten wir alle nicht nur mehr, sondern vor allem gut miteinander kommunizieren. Und dabei ist tiefes Zuhören der eigentliche Schlüssel.