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Donnerstag | 30. Juli 2026

„Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.“

Wie HfK-Alumna Tini Emde mit ihren Sprücheklopfern zur kollektiven Resilienz beiträgt
Tini Emde in ihrem EMTI Studio © HfK Bremen | Sue Wendlandt

Seit der großen Sonderausstellung „LIEBE“ im Universum Bremen dürfte inzwischen jeder in der Hansestadt die Designerin, Künstlerin und Illustratorin Tini Emde oder zumindest ihre humorvollen Illustrationen kennen. Grund genug für unsere Redaktion, sich die Alumna der Hochschule für Künste Bremen einmal genauer anzuschauen und ihr einen Besuch in ihrem EMTI Studio abzustatten.

Am Ende eines Hinterhofs im Bremer Fehrfeld werden wir bereits von Toni Peperoni, ihrem Rhodesian Ridgeback, in Empfang genommen. Auf der Treppe steht eine gut gelaunte, quirlige Tini Emde – im selbstdesignten Shirt und Plisseerock –, die wenige Minuten zuvor bereits ein spontanes Interview zum Thema Sprücheklopfer bei Radio Bremen gegeben hat. Ihre Sprücheklopfer – dafür ist die Wahlbremerin bekannt. Doch zunächst einmal interessiert uns, was sie damals als junge Studentin aus Süddeutschland überhaupt in den Norden verschlagen hat.

Der Rhodesian Ridgeback Toni Peperoni © HfK Bremen | Sue Wendlandt

Von Basel über Thailand zur rechnerfreien Zone mit Zwischenstopp im Aquarium

„Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Tapetenwechsel“, berichtet die gebürtige Badenserin, die nach einem zweijährigen Zwischenstopp für einen Vorkurs in Basel ihr Studium 1999 an der HfK Bremen aufnahm. Statt ins größere Hamburg zu ziehen, entschied sich Emde für die kleinere Hansestadt. Bereut hat sie ihre Entscheidung nicht. Schon im Studium stellte sie fest, dass Bremen nicht nur die ideale Größe zum Netzwerken hat, sondern auch „eine geile Stadt am Wasser“ ist. Die Relevanz eines guten Netzwerks verstand die damals angehende Designerin schnell. Inzwischen ist sie jedoch viel stärker überregional vernetzt.

Mit der HfK verbindet Emde nicht nur eine intensive Studienzeit: Nach ihrem Abschluss blieb sie der Hochschule als Gestalterin im sogenannten Aquarium rund zweieinhalb Jahre weiterhin treu und war ebenso wie unser Redaktionsteam dem Referat 1 zugeordnet. Später brachte sie ein Lehrauftrag für Ausstellungsdesign erneut zurück an die Hochschule: Eine Alumna im dreifachen Sinne also!  

Dass sie sich für ihr Studium mehr Zeit genommen hat, war für Emde ein wichtiger Teil ihres persönlichen Prozesses. Zu lernen, konzeptionell und frei zu arbeiten und zu denken, benötigte ihrer Erfahrung nach Zeit. Eine entscheidende Frage auf ihrem Weg war für sie dabei: „Wie nähere ich mich mir selbst an?“. Umwege sind auf dem Weg der Persönlichkeitsentwicklung ein natürlicher und oft notwendiger Prozess. In den Werkstätten und auch im Rahmen des Lehrangebots ihrer Professoren Fritz Haase, Eckard Jung und Detlef Rahe gab es viel zu entdecken – auch das brauchte Zeit. Damals hieß der Fachbereich noch Design, befand sich in der Straße Am Wandrahmen und es war eine „rechnerfreie Zone“. Besonders prägend waren für Emde die Typografiekurse bei Eckard Jung, die sie als „total inspirierend“ beschreibt. Auch die Klasse von Prof. Yūji Takeoka, mit der sie gemeinsam zum Fotografieren nach Thailand reiste, sowie die Klasse für Zeichnung und Malerei von Prof. Paco Knöller hat die Alumna in sehr guter Erinnerung. Über den ehemaligen Beuys-Schüler Paco Knöller verliert sich Emde im nostalgischen Schwärmen aufgrund der „geilen Stories, die er erzählt hat“, der schönen Bildsprache, Fragestellungen und Nahbarkeit. An der HfK lernte sie konzeptionelles Denken, sich auf Aufgabenstellungen einzulassen und keine Angst vor Materialien oder Fragezeichen zu haben. Aktuell ist beispielsweise die erste Bettwäsche im Andruck und sie denkt bereits über Meterware nach.

Emdes Weg ins Universum

Durch Prof. Roland Lambrette führte ihr Weg im Hauptstudium zur temporären Architektur. 2008 machte Tini Emde dann ihren Abschluss im Bereich Ausstellungsdesign. Damals ahnte sie vermutlich nicht, dass sie damit den Grundstein ihrer späteren „Eintrittskarte“ zum Universum Bremen legte. Gemeinsam mit einem Kollegen gründete sie zunächst eine eigene Agentur und machte sich als Ausstellungsgestalterin zunehmend einen Namen, indem sie unter anderem dank einer von der HfK Bremen weitergeleiteten Anfrage das langjährige Projekt „Einfach Wissenswert“ am Haus der Wissenschaft an Land zog. 

Wissensvermittlung scheint ohnehin ein Steckenpferd in ihrer Laufbahn als Ausstellungsdesignerin zu sein. Für das Universum Bremen gestaltete sie Jahre später den rollenden Wissenskiosk – ein mobiles Vermittlungsprojekt. Das bunte Modell thront heute noch hoch oben auf ihrem Atelierregal. Auf den Kastenwagen folgte ein Kleinfahrzeug und schließlich 2025 der große Auftrag für die „LIEBE“-Ausstellung. Das ist tatsächlich ein außergewöhnlicher Auftrag: Die meisten Museen trennen die Gestaltung von Ausstellung und Marketing streng voneinander und vergeben unabhängige Gewerke. Dass die Gestaltung hier aus einer Hand kommt, dürfte ein ganz entscheidender Faktor für den Erfolg der Sonderausstellung sein. 

Ein gutes Storytelling auf einer Straßenbahn zu platzieren, war für Emde dann schon eine Herausforderung. Immerhin geht es dabei um eine nicht durchgängige Fläche von rund 38 x 2 Metern, die von Fenstern, Lüftungsschlitzen, Wartungsklappen und Co. durchbrochen ist und um enorm große Datenmengen, die den Rechner regelmäßig in die Knie zwingen können. Bis einschließlich 23. August 2026 sind die Sonderausstellung „LIEBE“ samt Straßenbahn noch in Bremen zu sehen. Emde träumt davon, ein Projekt mit vergleichbarer Sichtbarkeit auch einmal in anderen Städten umzusetzen.

Über Sprüche, Anpassungsfähigkeit und Flomega

Mit ihren sogenannten Sprücheklopfern hat Emde sicherlich schon diverse Städte erreicht. Sie ist bekannt für ihre Postkarten mit Wortwitzen wie „Einfach mal die Kresse halten“. Zehn Jahre arbeitet Emde bereits an der illustrierten Serie und bis heute wird das Projekt für sie nicht langweilig. Bei ihren Sprücheklopfern, die inzwischen auch Weinflaschen, Textilien, Fliesen, Magnete und Co. zieren, stehen laut Emde emotionale Tiefe und Situationen im Vordergrund, in denen sich möglichst viele Menschen wiederfinden können. Heutzutage wollen alle besonders sein, was die Gesellschaft eher voneinander entfernt als verbindet. Emde greift mit ihren Sprücheklopfern emotional verbindende Elemente auf, die zeigen, „dass wir uns am Ende in unserem gesellschaftlichen Konstrukt dann doch alle verdammt ähnlich sind“. Freundlichkeit, Freude und Liebe sorgen für Verbundenheit. Freundlich zu sich selbst zu sein, ist für Tini Emde die größte Herausforderung überhaupt. „Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke,“ heißt es in einem Song von Flomega. Anpassungsfähigkeit ist für die HfK-Alumna eine der größten Qualitäten in der heutigen Zeit. Und obwohl sie sich manchmal fragt, was wohl geworden wäre, wenn sie Freie Kunst studiert hätte, weiß sie ihre hybride Mentalität als Designerin, Künstlerin und Illustratorin zu schätzen. 

Sprücheklopfer auf Umwegen

Ihr Weg zu den Sprücheklopfern war, wie sie sagt, „ein totaler Zufall“. Zwar hat sie schon immer gern gemalt, mit Illustration ist sie im Studium jedoch nicht warm geworden. Daran anschließend folgte über mehrere Jahre eine lange Zeichenpause. Die Idee entstand erst in einer Zeit, in der sie herausfinden wollte, wohin ihr Weg führen sollte. In dieser Findungsphase wollte das Zeichnen aus ihr wieder raus und war wie ein Ventil, beschreibt Emde ihren damaligen Prozess. Überhaupt hat Kunst und Design für sie viel mit persönlicher Entwicklung zu tun. Den eigenen Stil und Platz in der Welt zu finden sowie sowohl den eigenen Wert als auch den Wert der eigenen Arbeit zu erkennen – all das sind entscheidende Prozesse und Faktoren für den eigenen künstlerischen Weg. Ihre immer lauter werdenden Illustrationen begann sie sukzessive in Aufträge einzuflechten und ihnen zunehmend Raum zu geben. Über die Designmärkte im norddeutschen Raum probierte sie aus, sammelte Erfahrungen und Feedback und stellte fest, dass eine Schwarz-Weiß-Illustration mit Spruch als Postkarte funktioniert. 

110 Motive mit Sprücheklopfern hat Tini Emde inzwischen im Programm und der Fundus an Ideen ist noch lange nicht erschöpft. Input dafür kommt von überall. Neben Songtexten bindet sie auch ihre Community auf Instagram ein. Hier stehen bereits Erdmännchen, Waschbär und Maulwurf auf der tierischen Wunschliste. Auch die vielen Messen und Märkte, an denen sie bis heute als Ausstellerin teilnimmt, haben zu neuen Kartenmotiven beigetragen: Oft entstehen hier sogar die verrücktesten Ideen. 

Bildlich sind auch die Geschichten, die Emde beschreibt, wie die Sprüche auf solchen Messen zu ihr getragen werden. Regelmäßig beobachtet sie dort gelangweilt bis genervt dreinblickende Männer, die an Sonntagen ihre Frauen der Liebe wegen begleiten und plötzlich grinsend an Emdes Kartenständern hängen bleiben. „Ey, kennst de den schon?“ heißt es dann oft, wenn die weibliche Begleitung schon längst am übernächsten Stand stöbert und plötzlich ein deutlich besser gelauntes Gesicht zu Tini Emde um die Ecke linst. Das sind dann die Momente, in denen ein Spruch den anderen jagt.  

Einblick in die Sonderausstellung "Liebe" © Universum® Bremen

"Be kind or be quiet!" Emdes Beitrag zur kollektiven Resilienz

Es braucht fünf positive Dinge, um ein negatives wettzumachen. Diese psychologische Faustformel gilt für Gefühle, Erlebnisse, Feedback und ganz besonders für die eigenen Gedanken. Sich den eigenen Gedanken und der Freundlichkeit im Umgang mit sich selbst bewusst zu sein, ist für Tini Emde essentiell und gleichzeitig ein ganz entscheidender Faktor für die eigene Resilienz. Manchmal braucht es dafür lediglich fünf gute Wortwitze, damit selbst ein mieser Tag eine positive Erinnerung formen kann. Und wenn auch das nicht klappt und an einem besonders miesen Tag die eigene Freundlichkeit mal wieder ausverkauft ist, dann helfen nur noch ein tiefer Atemzug und der wohl bekannteste Sprücheklopfer aus dem EMTI Kiosk: „Einfach mal die Kresse halten“. So lässt sich sogar der lauteste Kopf spielerisch leise drehen.