Friday | 17. November 2023

Die Realität des Virtuellen

Die Frese-Design-Preise 2023 gehen an drei Absolvent:innen der Hochschule für Künste Bremen

A press release from Jens Fischer

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Hui Lin: "Runway Descent", Installation. © Kim Mayer

Eine international besetzte Jury zeichnete drei Studierende der Hochschule für Künste (HfK) Bremen als Frese-Design-Preisträger:innen aus: Hui Lin, Alexander Lehmann und Ana Rodríguez Heinlein. Außerdem wurden Jonghong Park, Anja Segermann sowie Farzad Golghasemi für ihre Arbeiten mit den Frese-Design-Belobigungen gewürdigt.
 

 

Alle sechs Ausgezeichneten sind Absolvent:innen der HfK-Studiengänge „Integriertes Design“ und „Digitale Medien“ und präsentieren mit 24 Kommiliton:innen noch bis zum 22. November 2022 ihre Abschlussarbeiten im Speicher XI A der HfK Bremen.

Der Frese-Design-Preis wird seit 2014 an junge Designer:innen und Gestalter:innen der HfK Bremen verliehen. Er hilft dabei, Absolvent:innen aus dem Fachbereich Kunst und Design mit ihren Arbeiten national und international sichtbar zu machen, ihr gestalterisches Engagement zu fördern und den beruflichen Start zu unterstützen.

Mit dem Frese-Design-Preis sind Preisgelder in der Höhe von 5.000 Euro für den 1. Preis, 3.000 Euro für den 2. Preis sowie 2.000 Euro für den 3. Preis verbunden.

 

1. Platz: Hui Lin (Masterstudium Digitale Medien)

Titel: „Runway Descent“, künstlerisches Medium: Installation

Begründung der Jury:

„Runway Descent“ ist eine vielschichtige Installation, die mit einer hyperrealistischen CGI-Realisierung beginnt und mit einem Voiceover fortgesetzt wird, das mehrere Audio- und visuelle Metaphern enthält, die das Gefühl vermitteln, die Sinne zwischen der realen und der virtuellen Welt zu verlieren. Dieser Effekt wird durch die ruhige Erzählerstimme, die die Zeitlinie von der Vergangenheit in die Gegenwart und in die Zukunft verschiebt, noch verstärkt.
Der Grad der Unschärfe zwischen realen und virtuellen Bildern ist gut gewählt und aufgrund der hohen Qualität des Bildmaterials absolut überzeugend. Die Verschiebung der Grenzen wird durch das Herauszoomen in den realen Ausstellungsraum und den Einsatz eines Spiegeleffekts, der den Betrachter dieses digitale Kunstwerk als Medium der Reflexion erleben lässt, um unsere eigene Existenz zu hinterfragen, gut umgesetzt.

 

2. Platz: Alexander Lehmann (Masterstudium Digitale Medien)

Titel: „Phase“, künstlerisches Medium: Installation


Begründung der Jury:

„Phase“ ist eine sehr beeindruckende immersive Installation, die auf intelligente Weise Klang, Bildsprache, Proportionen und Materialwahl miteinander verbindet. Die Installation als Ganzes ist sehr kohärent, mit einer präzisen Szenografie und Struktur, die auf den Gesamtaufbau bis hin zu den kleinsten Details wie dem ästhetischen Design der Leiterplatten achtet. Der Maßstab der Installation wird auf spielerische Weise eingesetzt und beeinflusst die Erfahrung des Betrachters, je nachdem, ob er sich näher oder weiter weg vom Kunstwerk befindet. „Phase“ zieht viele Verbindungen zur Kunstgeschichte und beruft sich auf berühmte Referenzen wie Malewitsch oder László Moholy-Nagy. Wir sehen es als eine zeitgenössische Interpretation der Versuche von Malern, rhythmische Kompositionen in visuellen Mustern darzustellen.
Unserer Ansicht nach verweist das Werk auch auf die Entwicklung von Medien und Musikinstrumenten. Man könnte eine Analogie zwischen dem von den Motoren, die die Bewegungen antreiben, erzeugten Klang und dem Klang einer Orgel herstellen. Die sich bewegenden Stoffe erinnern an die verschiedenen Größen der Orgelpfeifen, aber auch an die visuellen Elemente eines Sequenzers oder sogar an die Pixel auf einem Computerbildschirm. Die Jury schätzte es sehr, dass der Klang von der Installation selbst erzeugt wird, was zu den synästhetischen Qualitäten dieser Installation beiträgt.

 

3. Platz: Ana Rodriguez Heinlein (Masterstudium Integriertes Design)

Titel: „Tierra Sin Agua“, künstlerisches Medium: Fotografie


Begründung der Jury:

Mit ihrer Arbeit „Tierra Sin Agua“ bezieht sich Ana Rodriguez Heinlein auf ein aktuelles Thema: Wasserknappheit im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Sie setzt sich intensiv mit der Situation in Andalusien und den damit verbundenen Problemen auseinander. Die gut gemachte Fotoserie spiegelt das Thema aus ihrer Sicht wider: von der Trockenheit der Landschaft über den hohen Wasserverbrauch, ausgetrocknete Flüsse – aber auch kulturelle und traditionelle Aspekte der Region sowie die damit verbundenen Probleme für die lokale Bevölkerung. Neben der Fokussierung auf Details überzeugte auch der dokumentarische und analytische Blick auf die Situation. Ihre einzigartigen und aufschlussreichen Beobachtungen und deren durchdachte Darstellung haben die Jury auf allen Ebenen beeindruckt.

 

 

Besondere Belobigungen werden Jonghong Park, Anja Segermann sowie Farzad Golghasemi zuteil.

 

Jonghong Park (Masterstudium Digitale Medien): „Vague Boundaries“, Installation

Begründung der Jury: „Endless Twist“, eine interaktive Filminstallation, ist ein gutes Beispiel für eine Geschichte, die sich mit dem Hier und Jetzt auseinandersetzt. Ausgehend von dem Punkt, an dem wir jetzt stehen, wird der Betrachter mit Architektur, Stadtplanung und Kapitalismuskritik konfrontiert, die die Auswirkungen der Standardisierung und Uniformierung durch von Menschen geschaffene Software-Tools und Algorithmen visualisiert.
Um diesen nachbarschaftlichen Kontext zu unterstreichen, ist die Szenografie gut gewählt und wird mit Material ausgeführt, das aus dem örtlichen Baugebiet entliehen wurde.

Anja Segermann (Masterstudium Integriertes Design): „Schichten“, Fotografie

Begründung der Jury: Anja Segermann wirft einen faszinierenden Blick auf unser größtes Organ: die Haut. In einer Gerberei verfolgt sie die Prozesse beim Gerben von Rinderhäuten. Die vielschichtige Präsentation besteht aus einer Kombination von Fotografien, einem Buch und einer Bildinstallation auf dem Boden. Die Fotografien beeindrucken durch ihre spannenden, kontrastreichen Farben und lassen den Betrachter die Materialität der Haut „spüren“. Die Ausstellungsgestaltung empfanden wir als stimmig; die Verwendung verschiedenster Materialien unterstreicht die Auseinandersetzung mit dem Thema. Insgesamt fanden wir es überzeugend, wie es der Studentin gelingt, einen lebendigen Blick auf ein äußerst traditionelles Handwerk in einer technologisierten Welt zu werfen.

Farzad Golghasemi (Masterstudium Digitale Medien): „Endless Twist“, Installation

Begründung der Jury: „Vague Boundaries“ ist ein kraftvolles Kunstwerk in dem Sinne, dass es eine Maschine ist, die sich selbst aufzeichnet und ihre eigenen Prozesse und Bewegungen visuell darstellt. Die Installation erstellt ein Selbstporträt eines physikalischen Phänomens, das auch die tatsächliche wissenschaftliche Grafik des Phänomens darstellt, in diesem Fall eine Sinuswelle, die die Vibration oder die Interferenz visualisiert, die durch das Reißen einer Schnur entsteht. Sie zieht eine poetische Linie zwischen der materiellen Welt und ihrer analytischen Darstellung, aber auch zwischen der Starrheit der Maschine und dem chaotischen Prozess, um den es geht. „Vague Boundaries“ ist ein System, das in der Lage ist, endlos einzigartige Kunstwerke zu produzieren, die das Potenzial für verschiedene Erkundungen mit Farben und Raum haben, aber auch für zukünftige Ausstellungsentwicklungen.

 

Die Jury des diesjährigen Frese-Design-Preises setzt sich zusammen aus Marie du Chastel (freiberufliche Kuratorin in Brüssel, künstlerische Leiterin der Non-Profit-Organisation KIKK), Simon Busse (Industriedesigner, Inhaber eines Designstudios in Stuttgart) und Serge Rompza (Grafikdesigner, Designstudio NODE Berlin Oslo). Krankheitsbedingt fehlte Anja Groten (Designerin, Mitbegründerin der Initiative Hackers & Designers, Leiterin der Designabteilung am Sandberg Instituut Amsterdam).